Beste Gefährten als grösste Gefahr

Die raffinierte Umsetzung der Science-Fiction-Oper «Humanoid» von Leonard Evers und Pamela Dürr begeistert in der Vidmar und regt zum Nachdenken über Zukunftsfragen an.

Wer ist hier echt, wer hat Gefühle? Und wer behauptet es bloss?

Wer ist hier echt, wer hat Gefühle? Und wer behauptet es bloss?

(Bild: Toni Suter)

Jonah ist ein Nerd. Als intelligenter, aber sozial isolierter Tüftler verbringt er seine Zeit am liebsten mit Computerfantasien im Labor. Und wie man auf der Bühne der Vidmar schnell erkennt, kann er was. Bereits hat er einige funktionstüchtige, mehr oder weniger entwickelte Humanoiden gebaut und programmiert, Roboter also, die aussehen und reden wie Menschen und – weil sie hier in einer Oper auftreten – natürlich hervorragend singen können.

Da ist der einsilbige, etwas unheimliche Staubsaugermann Juri (Michal Marhold), ein Prototyp mit metallener Kopfplatte, der auf seinen futuristischen Leuchtschuhen ungelenk herumstakst und beim stereotypen Ausruf «Bonus topped. Next level» die Gehrichtung ändert. Und da ist Alma (eine Traumbesetzung mit glockenheller Stimme: Orsolya Nyakas), auf die Jonah besonders stolz ist.

Alma ist sein Meisterstück: Die stets aufgestellte, gut aussehende und auch zärtliche Gespielin hat sich der Computerfreak nach dem Vorbild seiner Freundin Vivienne gebaut, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist – aber durch ihre plötzliche Rückkehr als Humanoidin (mit strahlendem Hoffnungsglitzern in der Roboterstimme: Larissa Angelini) ganz schön für Aufregung sorgt. Viviennes Erinnerungen an das erste Liebestreffen mit Jonah, das sie immer wieder aus ihrem programmierten Hirnspeicher abrufen kann, bringt Jonah in Bedrängnis, weil er ja nun schon eine Neue, eben Alma, hat.

Haben Humanoide Gefühle? Eine brisante Frage, die auch Jonahs Freund Piet (Wolfgang Resch) nicht beantworten kann. Ihm ist aber bewusst, dass das, was Jonahs Experimentierfreude und Allmachtsfantasien antreibt, eigentlich nicht der Forschertrieb ist, sondern die Trauer über den schmerzlichen Verlust dieser Vivienne. Schneller als gedacht, wird der Traum zum Albtraum. Dem Schöpfer Jonah entgleitet die Kontrolle. Und als der digitale Datenschredder versagt, mit dem er jeden Abend Almas Festplatte löscht, mutiert er zum Todgeweihten. Wie einst Goethes Zauberlehrling wird er die (digitalen) Geister, die er rief, nicht mehr los.

Cello klingt wie Gitarre

Geschlechterfragen und die Liebe als grosse Opernthemen stehen also auch in «Humanoid» im Zentrum. Das Stück, das im Jahr 2037 spielt und als Jugendoper angedacht ist, wurde als Koproduktion von Konzert Theater Bern und dem Theater Winterthur in Auftrag gegeben. Den Plot der Schweizer Autorin Pamela Dürr hat der holländische Komponist Leonard Evers vertont. Wie diese neue Musik klingt? Farbig und ziemlich ­eklektisch. Das ist aber nicht schlimm, Leitmotive, Jazz- und spätromantische Elemente umgeben das zeitgenössische Idiom mit einer Aura von musikgeschichtlicher Vertrautheit.

Da flattern einem Zitate wie Erinnerungsfetzen ins Ohr, eine Marschbewegung aus Strawinskys «L’histoire du soldat», ein Flügelschlag «Feuervogel», obendrein Töne wie vom Gameboy aus den 1990er-Jahren. Oder unsauber gespielte Klänge, die genau so sein müssen, weil so aus einem Cello Melodien gezaubert werden können, die tönen, als hätte eine elektrische Gitarre sie erzeugt. Das solistisch mit Bläsern, Streichern, zwei Schlagzeugern und Klavier aus den Reihen des BSO vortrefflich besetzte Kammerorchester wird von Sebastian Schwab dynamisch und mit gestalterischer Umsicht geleitet.

Dadaistisch surreal

Schön ist die Idee, das Kind, welches die Peripetie in der Handlung provoziert und die Allmachtsfantasien zum Einstürzen bringt (mit Tutu, Krone und viel Stimmpoesie: Oscar Verhaar), mit einem androgynen Countertenor besetzt wurde. So lässt sich die artifizielle Kunstform Oper auch für Jugendliche ab 13 Jahren ansprechend verpacken.

Der Erfolg hat wohl auch damit zu tun, dass «Humanoid» ohne Anbiederung daherkommt. 

Die Begeisterung des jungen und zu Beginn durchaus skeptischen Premierenpublikums in der Vidmar scheint das zu belegen. Die Zustimmung ist gross, der Applaus lang anhaltend. Der Erfolg hat wohl auch damit zu tun, dass «Humanoid» ohne Anbiederung daherkommt und die Textverständlichkeit mit der Verschriftlichung auf einem Screen gewährleistet ist. Apropos Text: Er ist eine surreale Klasse für sich. Wie die Roboter sich in dadaistischen Wörter-Tohuwabohus verheddern oder auf Teufel komm raus sinnlose Reime bilden wie «So so so, Hirn aus Stroh, Herz aus Brot, Morgen tot», zeigt mit verbalem Witz die Tragik der programmierten Gefährten auf. Und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wenn in der Hardware ihrer verdrahteten Hirne die Daten durcheinandergeraten.

Wer ist hier echt?

Die Inszenierung von Cordula Däuper hat eine erfrischende Direktheit und verknüpft geschickt die Ebenen Musik, Sprache und Handlung zum modernen Tableau (Kostüme: Sophie du Vinage). In jedem Moment spürt man, wie stark das fiktive Bühnengeschehen mit uns und der Gegenwart zu tun hat.

Wer ist hier echt, wer hat Gefühle? Und wer behauptet es bloss? Die Verwirrung wächst, wenn Kopie und Original, Mensch und Android sich immer ähnlicher werden. So schleicht sich der Horror auf blinkenden Turnschuhen an in diesem schwebenden Konstrukt aus Laufstegen (Ralph Zeger), an deren Enden jeder abstürzt, der nicht aufpasst. Siebzig Minuten genügen – so lange dauert «Humanoid» –, um ins Bewusstsein zu rufen, dass die grösste Gefahr für uns menschliche Wesen nicht die Humanoiden sind. Sondern wir für uns selber.

Weitere fünf Vorstellungen in der Vidmar bis 7. April. www.konzerttheaterbern.ch

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