Zersplitterte Flüche

Am Festival No Borders No Nations tritt eine Band auf, die dem Punk wieder Ernst und politische Drastik einpeitscht. Und doch findet sich in seiner Musik auch ganz viel Hoffnung.

Die Freude als Akt des Widerstands: Joe Talbot am diesjährigen Paléo Festival in Nyon.

Die Freude als Akt des Widerstands: Joe Talbot am diesjährigen Paléo Festival in Nyon. Bild: Paléo / Ludwig Wallendorff

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Wir schreiben das Jahr 1977. Die Welt hört Abba und Richard Clayderman, als die Punks kollektiv ihre Stinkefinger ausfahren. Das Establishment ist bald ziemlich entgeistert ob dem Zorn, der ihm da aus der Subkultur entgegenbrandet und sich in einer einfachen, ungezügelten und gefährlichen Musik Bahn bricht.

Die Aussicht auf nette Jobs oder auf den Erwerb hübscher Mode haben die Punks während einer hartnäckigen Wirtschaftskrise begraben, sie fühlen sich den Ratten in Londons oder New Yorks Gassen näher als den Menschen, die da durch die Einkaufsmeilen stolzieren. Die Reaktion darauf ist eine Do-it-yourself-Musik, die alles niederwalzen soll, was sich nicht rechtzeitig ins Eigenheim verziehen kann.

Bei der Entstehung des Punks waren sämtliche idealen Geburtshilfen zum Befeuern einer explosiven Jugendkultur vorhanden: politischer und gesellschaftlicher Zunder, ein tief sitzender Frust unter den Heranwachsenden und jede Menge schlechte Musik, gegen die anzukämpfen sich anbot. Doch weil da auch eine gierige Plattenindustrie war, welche die Punk-Bands der ersten Stunde zur Massentauglichkeit erziehen wollte, war die Epoche kurz, in welcher der Punk tatsächlich eine zersetzende Kraft entwickelte und unangepasste Helden hervorbrachte. Es waren Bands wie die Dead Kennedys, The Adverts, Sex Pistols, X-Ray Spex, The Stanglers, später The Fall, The Exploited oder Discharge, welche aus dem immer uniformer werdenden Punk-Pulk herausragten und ihren Furor in wahrlich aufregende Musik zu kanalisieren vermochten.

Bis die Knochen blank liegen

Schnitt ins Jahr 2018: Und nun kommt also die Gruppe Idles aus dem englischen Bristol um die Ecke und setzt exakt dort an, wo die eben erwähnten Helden des Punks ihr Tagwerk beendeten. Mit einem nicht minder furiosen Aufbegehren, mit einem Schmerz, einem Frust und einer Inbrunst, die man dem Punk nicht mehr zugetraut hätte, nachdem ihn kalifornische Wohlstandsschnösel wie Green Day oder The Offspring endgültig der Belanglosigkeit zugeführt hatten.

Andererseits hat die Welt – und mit ihr auch das Vereinigte Königreich – sich in letzter Zeit wirklich redlich bemüht, ein Klima zu schaffen, in dem der punkige Zorn wieder aufflammen konnte (zur Erinnerung: politischer und gesellschaftlicher Zunder, ein tief sitzender Frust unter den Heranwachsenden und jede Menge schlechte Musik, gegen die anzukämpfen sich anbietet). Bands wie Sleaford Muds oder die Fat White Family sind Ergebnis dieser Entwicklung, auch wenn sich deren musikalische Methoden von jenen der Idles dann doch unterscheiden. Wenn diese Fünferschaft aus Bristol auf ihre Instrumente eindrischt, dann ist Schluss mit Spass, dann wird so lange in Wunden gestochert, bis die Knochen frei liegen. Ein Rezept, das die Band bereits ins Vorprogramm der Foo Fighters und auf die grössten Festivalbühnen der Welt katapultiert hat. Die Idles sind die Punks der Stunde, die internationale Musikpresse ist völlig verständlicherweise hingerissen von diesem Quintett.

Als die Idles 2012 ihre Debüt-EP «Welcome» veröffentlichten, deutete noch nichts auf diesen Popularitätsschub hin. Die Band legte damals noch ein gewisses Mass an Pop-Wollen an den Tag, mitsamt U2-Gitarren und nachvollziehbaren Refrains. Erst als letztes Jahr ihr erster Longplayer «Brutalism» erschien, wurde die Welt hellhörig auf diese raue und strenge Punkmusik. Sänger Joe Talbot verarbeitete auf diesem Album den Schmerz und den Frust, die ihn überkamen, als er seine kranke Mutter bis zu deren Tod pflegte. Aus dieser Warte schrie er gegen die zunehmende und scheinbar gesellschaftlich akzeptierte Spaltung der Klassen an oder nahm sich die arrogante englische Upper Class vor. Aus dem Sinnieren über die Vita seiner geliebten Mutter, deren Überlebenskampf schon lange vor der Krankheit begann, resultierte schliesslich der gleichzeitig rabiate wie bewegende Song «Mother» – ein klingender Fluch in Richtung der regierenden Tories.

Kraft der Gemeinschaft

Doch das Leben meinte es bald noch schlechter mit Joe Talbot. Im Juni letzten Jahres starb seine Tochter, ein Ereignis, das er auf dem am 31. August erscheinenden Nachfolgewerk «Joy as an Act of Resistance» behandelt. Doch wer nun ein verbittertes Album voller Zornesfalten erwartet, wird überrascht sein. Das neue Tonwerk der Idles ist musikalisch abwechslungsreicher als sein ­Vorgänger, es bietet auch Platz für ­entschleunigte Songs, ja sogar für ­Atmosphären. Der Ernst und die Ein­­dringlichkeit sind geblieben, allerdings schmettert Talbot seinen Zuhörern neben dem Frust auch ein gerüttelt Mass an Gutherzigkeit und Hoffnung entgegen.

Der Tod seiner Tochter sei ein Ereignis gewesen, das er nicht mehr allein zu bewältigen imstande gewesen sei, sagte Tablot kürzlich in einem Interview. Er sei in seiner Trauer von seinen Freunden und seiner Partnerin abhängig gewesen und habe dabei die Wichtigkeit der Gemeinschaft erkannt, um Momente der Schwäche und der Niedergeschlagenheit zu bewältigen. Das neue Album sei deshalb ein Aufruf zum Mitfühlen und gegenseitigen Zuhören.

Furios und himmeltraurig

Politischer Zündstoff ist da immer noch drin: Im monumental-furiosen «Colossus» geht es um die Seuche des Machismo, es gibt Kritik an den Massenmedien («Television»), und im himmeltraurigen «June» wird die Fassungslosigkeit der Hinterbliebenen spürbar, wenn dem eigenen Kind die Zukunft geraubt wird. «Joy as an Act of Resistance» geht nahe. Musikalisch und moralisch. Etwas, was tatsächlich nur von wenigen Punk-Alben behauptet werden kann.

(Der Bund)

Erstellt: 26.07.2018, 06:45 Uhr

No Borders No Nations

Das Festival No Borders No Nations findet vom Freitag, 27., bis am Samstag, 28. Juli, auf der Berner Schützenmatte statt. Der Eintritt ist frei (Kollekte).

Freitag:
19.45 Uhr: La Nefera.
21.30 Uhr: Idles
23.15 Uhr: Kabaka Pyramid & Bebbie Rockers.
1.00 Uhr: Stereo Luchs

Samstag:
18.00 Uhr: Migre Le Tigre
19.00 Uhr: De Giletjes
20.45 Uhr: Nova Twins
22.15 Uhr: UK Subs
0.10 Uhr: ZSK
1.40 Uhr: NBNN Arbeiter*innenchor

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