Wo Herz und Sprunggelenk hüpfen

Das elfte Album ist ihr bestes: Die Berner Gruppe Grand Mother’s Funck nimmt sich auf «Take The Money» wieder Zeit zum Ausufern.

Keine Puristen: Grand Mother’s Funck mit dem Oberhaupt «Bean» (Mitte).

Keine Puristen: Grand Mother’s Funck mit dem Oberhaupt «Bean» (Mitte). Bild: zvg

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Ja, der gute alte Funk. Unter seinem Zepter wurde schon gegroovt und gehüftschwüngelt, dass es selbst dem Beelzebub die Schamesröte ins Antlitz trieb. Doch so richtig grossartige Songs, davon hat das Genre in all den Jahren nicht sonderlich viele zutage gefördert. Wer aufs Tanzbein zielt, verfehlt das Herz in der Regel ziemlich deutlich, das liegt in der Natur der Sache.

Seit über 20 Jahren am Hüftschwüngeln und aufs Tanzbein Zielen sind auch die Berner Funk-Methusaleme von Grand Mother’s Funck. Zehn Alben zierten bis anhin die Regale, circa 1000 gespielte Konzerte stehen zu Buche, und eine ganze Menge Räubergeschichten: James Brown hat ihnen einst zähneputzend einen ganzen Soundcheck lang wohlwollend zugehört (GMF waren seine Vorband), und Funk-Grossmeister Karl Denson veröffentlichte 1995 ein GMF-Album auf seinem amerikanischen Label – versäumte es jedoch, die Band dafür finanziell zu entschädigen.

Einige Male stand man kurz vor dem internationalen Durchbruch, noch öfter stand die Band kurz vor der Auflösung. Die Berner haben durchgehalten. Doch ein Hit, den man aus dem Stegreif aus dem Mittelzeitgedächtnis abrufen könnte, das ist auch GMF in der langen Karriere nicht geglückt. Dass sie gerade jetzt, da niemand mehr damit gerechnet hat, Songs aus dem Köcher ziehen, die sowohl das Herz wie auch das Sprunggelenk zum Hüpfen bringen, ist eine aparte Fügung.

Grand Mother's Funck: Confessions (Video: Youtube).

Zurück zum organischen Funk

Eine veritable Radio-Single sucht man zwar auf ihrem elften Album «Take the Money» vergebens, und aus den Versuchen, sich eine zurechtzuzimmern, resultieren die schwächsten Momente dieses Werks («Better Be Better» oder «Maybe»). Dieses Tonwerk ist deshalb so grossartig, weil es sich auf das besinnt, was diese Siebnerschaft so meisterlich beherrscht, nämlich das muntere und zügellose Spiel auf dem jeweiligen Instrument.

Entwickelte sich die Musik von Grand Mother’s Funck in den letzten Jahren immer mehr in Richtung 4-Minuten-Songformat, wird nun also wieder soliert, seis auf dem übersteuerten Elektropiano (wundertoll: Andreas «Chnufi» Michel in «Freerider»), auf der Stromgitarre (klasse: Bernhard Häberlin in «Mamooth Mama») und immer und überall auf dem Saxofon. Das hat damit zu tun, dass der zur Gründungsriege zählende Saxofonist Daniel «Bean» Bohnenblust nach einer kurzen Auszeit wieder zu GMF zurückgekehrt ist und für dieses Album – als einziger verbliebener Bläser – die musikalische Leitung übernommen hat.

«Mich hat die Idee gereizt, für einmal keine Bläsersätze zu schreiben, sondern das Saxofon auf eine andere Art in den Klangkörper zu integrieren», erzählt der Berner. Und die Motivation war dermassen gross, dass er den Grossteil der Stücke in bloss zweieinhalb Wochen zu Papier brachte. Auch die musikalische Ausrichtung war bald klar: «Mich reizte es, den Fokus wieder auf den organischen Funk der späten Sechzigerjahre zu legen. Auf jene Zeit, bevor die Kommerzialisierung des Genres einsetzte und Leute wie Eddie Harris oder Jimmy McGriff den Funk mit dem Jazz verquickten. Die Stücke sollten wieder atmen und sich Zeit lassen für solistische Vorstösse.»

Funkende Freigeister

GMF ist keine Ansammlung von Funk-Puristen. Sämtliche Teilnehmer haben sich mannigfaltig musikalisch ausprobiert. Einige haben sich mit der Gruppe The Faranas im Afrobeat ausgetobt, Bernhard Häberlin zog es musikalisch immer wieder in Richtung Südamerika (er spielt unter anderem bei Chica Torpedo), Schlagzeuger Daniel «Booxy» Aebi hat es nach Wien verschlagen, wo er die lokale Jazz-Szene aufmischt. Und fürs letzte Album kooperierte die Band mit dem Rapper Akil the MC von Jurassic 5.

Dieser Freigeist ist auch auf dem neuen Album zu spüren. Das Funk-typische Breakbeat-Diktat wird immer wieder aufgeweicht, mal wird in Richtung Swing ausgebrochen, immer wieder wird dem Jazz gehuldigt, und dort, wo alles verrührt und zusätzlich ein Schuss Soul beigemengt wird, da wirds dann richtig spannend: In «Blind» klingen GMF mitsamt ihrem Sänger Rich Fonje wie die ungehobelten Brüder von Lenny Kravitz, und der Opener «The Dog» ist allertollste Partymucke, knusprigst produziert und von einer euphorisierenden und gelenkigen Brünstigkeit, wie wir sie aus dem Schweizerland noch selten vernommen haben. Dem Herrn Brown würde hier vor Staunen wohl die Zahnbürste in der Mundhöhle stecken bleiben.

Mühle Hunziken Rubigen, Freitag, 20. Januar, 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2017, 07:15 Uhr

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