«Wir waren eine einzige Zumutung»

Die Bieler Rockband Death by Chocolate hat sich für ihr drittes Album «Crooked for You» Unterstützung beim preisgekrönten US-Produzenten Vince Powell geholt – eine weise Entscheidung.

Ihr Tourbus hat schon unzählige Kilometer auf dem Zähler: Death by Chocolate.

Ihr Tourbus hat schon unzählige Kilometer auf dem Zähler: Death by Chocolate. Bild: zvg

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Nein, es habe keine zweiwöchige Klausur gebraucht, um den Bandnamen festzulegen, sagt Mathias Schenk, seines Zeichens Sänger von Death by Chocolate, und lacht. Er und seine Bandkumpels hätten diesen Namen einer Süssspeise in einer Londoner Gaststätte abgeschaut und seien darob dermassen amüsiert gewesen, dass sie Death by Chocolate kurzerhand zum Namenspaten erkoren hätten.

Die unkomplizierte Attitüde, mit welcher die eigene Namensfindung vonstatten ging, zeichnet sich denn auch im musikalischen Schaffen der Bieler Mannschaft ab. Im Hause Death by Chocolate wird offenbar einfach mal gemacht, ohne dass man sich gross um musikalische Etiketten und Schubladen schert. Nur eine Art von Musik zu fabrizieren, sei doch stinklangweilig, sagt Schenk und so versammelt sich auf dem dritten Studioalbum «Crooked for You» alles vom veritablen Bluesrock-Kracher über Country-Folk und Walzer bis hin zur kitschigen Indie-Pop-Ballade.

Bandgründung in der Sauna

Die stärksten Momente bescheren einem «Crooked for You» dann, wenn Death by Chocolate dem druckvollen Gitarrenspiel frönen, so etwa in «Give Us a Reason» oder «Virgin Killer». Dabei lassen sich Anleihen an Combos aus der Bluesrock-Renaissance der 1990er-Jahre finden – Pedanten würden vielleicht monieren, dass man sich manchmal gar arg an die Black Keys erinnert fühle. Death by Chocolate erweisen mit ihrer dynamischen Mischung aus sperrigen Riffs, wohl dosierten Hammond-Orgel-Einsätzen, Abstechern in die Psychedelic-Ecke und eingängigen Melodien mit mehrstimmigen Gesängen aber auch den Progressiv-Rockern der 70er-Jahre die Ehre.

Er sei tatsächlich schon in jungen Jahren mit dieser Art von Musik in Kontakt gekommen, sagt Schenk. Die CD-Sammlung seines Papas habe zum Beispiel auch Deep Purple enthalten, und er könne sich daran erinnern, dass er im zarten Alter von etwa acht Jahren wahnsinnig fasziniert gewesen sei vom fulminanten Hammond-Orgel-Spiel des Jon Lord. Auch später im Gymer habe er lieber Rock’ n’ Roll und Hippie-Zeugs gehört. «Das richtig moderne Zeugs hat mich nicht wirklich interessiert.»

Aus dem neuen Album «Crooked for you» Quelle: Youtube

Was für den 30-jährigen Frontmann gilt, dürfte auch für die übrigen Schokoladen-Helden bis zu einem bestimmten Grad gelten, denn sie alle verbindet eine enge Herrenfreundschaft, die schon im Bubenalter ihren Anfang genommen hat – einzig Schlagzeuger Kevin Chesham stiess vor vier Jahren neu zur Truppe dazu. Irgendeinmal sei bei Wytti (Synthesizer-Mann Daniel Wyttenbach) in der Sauna die Idee entstanden, eine Rockband ins Leben zu rufen, erzählt Schenk. Die Brüder Thomas und Daniel Schläppi übernahmen das Gitarren- bzw. Bass-Spiel, derweilen Schenk den Sänger-Posten besetzte, war er doch der einzige, der kein Instrument zu bedienen wusste. «Was wir in den Anfängen spielten, war wahnsinnig peinlich und schlecht», sagt Schenk und lacht. «Wir waren eine einzige Zumutung.»

Seit den Anfängen 2003 ist viel Wasser durch die Schüss in Biel hinabgeflossen. Death by Chocolate haben sich von einer Zumutung zu einer gefragten Band gemausert, das zweite Album «Among Sirens» stieg 2014 direkt in die Top 10 der Schweizer Charts ein, bis heute haben sich über 120 gespielte Konzerte in der Bandbiografie angesammelt und der Tourbus hat eine Unzahl von Kilometern auf dem Zähler, denn wenn immer möglich verzichten Death by Chocolate aufs Fliegen. Einerseits tun sie dies, weil so das eigene Equipment mitgeführt werden kann, andererseits weil Schlagzeuger Chesham unter ausgeprägter Flugangst leidet.

Für die Aufnahmen ihres dritten Albums «Crooked for You» haben sich Death by Chocolate mit dem vierfach Grammy-gekrönten US-Produzenten Vance Powell zusammengetan, der schon für Wolfmother, Jack White oder Seasick Steve die Regler bediente. Die Grundgerüste der elf Songs haben die Bieler unter Powells Aufsicht in den IPC Studios in Brüssel in gerade mal vier Tagen eingespielt. Die soundtechnische Handschrift des Produzenten ist dabei unverkennbar und äusserst sich vor allem in einem wuchtigen und druckvollen, aber eben auch warmen und organischen Gesamtklang. Ausserdem sei für Powell bei den Aufnahmen die Spielenergie der Musiker zentral gewesen, sagt Schenk. «Ihm ging es nicht darum, dass jeder Ton perfekt sitzt, sondern darum, dass die Energie zwischen uns fliesst. Wir haben keine einzige Aufnahme abgebrochen, wodurch eine ähnliche Dynamik wie bei einem Konzert entstanden ist.»

Hartes Pflaster

Viel Gutes hat er also bewirkt, dieser Herr Powell. Mit dem Ratschlag, die glattpolierte Indierock-Ballade «Cross the City Line» aufs Album zu nehmen, hat er Death by Chocolate allerdings keinen Dienst erwiesen. Er habe ihnen gar dazu geraten, diese Nummer als erste Single herauszugeben, erzählt Schenk. Zum Glück haben die fünf Herren Ungehorsam geleistet, denn die massentaugliche Stadion-Schmuserock-Nummer sollte nicht als Repräsentant für das neue Album gesehen werden – damit würde man dem musikalischen Schaffen der Bieler Mannschaft nicht gerecht. Death by Chocolate gehören zurzeit zu den heissesten Schweizer Rockmusik-Exporten, das verdeutlicht die lange Konzertliste mit Shows in Polen, Serbien, Tschechien, Österreich, England, Frankreich und den USA. Und doch: Von der Musik leben kann ausser Profischlagzeuger Kevin Chesham keiner der fünf. Manchmal verlasse ihn schon der Mut, ob es überhaupt möglich sei, in der Schweiz mit Rockmusik seine Brötchen zu verdienen, sagt Schenk.

Tatsächlich ist die Stromgitarrenmusik ein hartes Pflaster. Eine traurige Konsequenz davon ist, dass viele Bands so lange an ihren musikalischen Ecken und Kanten schleifen, bis nur noch ein weichgespülter Radiotagesprogramm-tauglicher Brei übrig bleibt. Eine Balance zu finden zwischen geldeinbringender Massentauglichkeit und künstlerisch spannender Sperrigkeit ist schwer. Death by Chocolate wagen diesen Spagat und stellen sich dabei, mit Ausreissern, gar nicht mal so ungeschickt an.

Dachstock Reitschule Freitag, 17. 3. – 21 Uhr. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2017, 09:51 Uhr

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