«Wir verwirklichen einen Traum»

Das Burgdorfer Künstlerduo Lang/Baumann hat der Kunsthalle zum 100-jährigen Bestehen eine schwebende Plattform gebaut. Ein Gespräch über die Sprengkraft einer Bar.

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Zu ihrem 50. Geburtstag 1968 engagierte der damalige Direktor der Kunsthalle Bern, Harald Szeemann, das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, um das Gebäude zu verhüllen. Heute, 50 Jahre später, passiert genau das Gegenteil: Die Kunsthalle wird zur Stadt hin geöffnet, als Vision in Schwarzweiss. Konstruiert hat das begehbare Kunstwerk, das von Weitem aussieht wie eine aufgebogene Heftklammer, das Burgdorfer Künstlerduo Sabina Lang und Daniel Baumann, kurz L/B. Schon bald wird das gelbe Absperrband entfernt und die Bar mit Blätterdach eingeweiht. Deshalb überlässt Daniel Baumann das Reden lieber seiner Partnerin, er sei im Kopf zu sehr mit dem Aufbau beschäftigt. Dafür setzt sich Valérie Knoll, Direktorin der Kunsthalle, dazu.

100 Jahre Kunsthalle. Das ist ein grosser Brocken Kunstgeschichte. Sie haben für die Jubiläumsfeier eine Bar als begehbares Kunstwerk entworfen. Muss man sich dabei von der Vergangenheit befreien, oder ist sie eine gute Inspirationsquelle?
Sabina Lang: Ein gewisser Druck ist natürlich da, aber die Geschichte dieses Hauses hat uns sehr inspiriert. Die Kunsthalle ist von ihrer Architektur her ja sehr geschlossen: Die Tür ist massiv, vor den Fenstern gibt es Gitter, man sieht nicht hinein. Wir wollten das Gebäude öffnen und den sozialen Raum auf dem Vorplatz erweitern. Dabei haben wir den Innenraum bewusst nach aussen getragen: Der schwarzweiss gemusterte Keramikbelag ist eine Referenz an den ursprünglichen Plattenboden in der Eingangshalle. Auch die Form des Hauptsaals mit den abgekanteten Ecken spiegelt sich im Umriss der Bar. Valérie Knoll: Es gab schon in den 60er-Jahren den Traum, die Kunsthalle zu erweitern. Im Jahrzehnt von Harald Szeemann hat sich die Kunst verändert, Künstler entwickelten Environments und Installationen, wofür mehr Platz benötigt wurde. Wir verwirklichen jetzt in gewisser Weise diesen Traum als funktionale Skulptur und offenen Raum.

In der Ära Szeemann ging es auf dem Vorplatz wild zu und her: Der Asphalt wurde aufgerissen, Peter Sahm verbrannte seine Militäruniform. Dagegen wirkt eine Bar geradezu harmlos. Was ist ihre Sprengkraft?
Knoll: Die Bar ist ein beeindruckender Bau. Damals in den 60er-Jahren war es notwendig, traditionelle Werte zu zerstören. Auch heute befinden wir uns in einer Zeit von Umbrüchen, wieder wandeln sich Werte. Die mittlerweile auch klischeehafte Vorstellung der Provokation in der Kunst finde ich im Moment, wo Leute wie Trump laut provozieren, gar nicht angemessen. Mir ist es nicht darum gegangen, zum Jubiläum zu provozieren – aber trotzdem Dinge zu tun, die so nicht erwartet werden. Lang: Als die Kunsthalle vor 100 Jahren gebaut wurde, wurde sie sehr kontrovers diskutiert. Man wollte zum Beispiel zuerst die Fassade sehr üppig mit griechischen Figuren einkleiden. Uns hat vor allem interessiert: Wie geht man mit so einem Gebäude um? Was kann man heute an baulichen Eingriffen unternehmen? Wir haben uns bewusst dafür entschieden, den Bau selbst nicht zu berühren.

Da hat der besorgte Bürger doch gleich ein paar Fragen: Hält die Bar auch wirklich? Was ist, wenn es regnet? Wird nicht zeitgleich die Kirchenfeldbrücke saniert?
Lang: Die Bar ist eine Stahl- und Holzkonstruktion, ausgekleidet mit Keramik. Sie wurde aus vorgefertigten Elementen um den Baum herum gebaut. Die vorderen Stützen reichen 18 Meter tief in den Boden – das hält. Aber das Dach ist offen, wenn es in Strömen regnet, bleibt die Bar halt auch mal zu. Ich denke, die Baustelle der Brückensanierung sollte kein Problem sein. Die Passanten können ja nach wie vor über die Brücke laufen. Wir haben jetzt vielleicht ein bisschen Baulärm, dafür aber keinen Verkehr.

Zurück zur Kunst: Harald Szeemann hat Bern ein grosses Erbe hinterlassen, er war eine Art Überkurator. Wie hat sich die Rolle des Kurators seither geändert?
Knoll: Wie man Ausstellungen inszeniert, dass man subjektive Themen setzt und die Gegenwartskunst sehr breit denkt: All das hat Szeemann geprägt, das gehört heute zum kuratorischen Selbstverständnis. Seine Vorstellungen hat er stets niedergeschrieben und sich damit verhandelbar gemacht. Ausserdem hat er Schlüsselbegriffe geprägt, auf die er sich immer wieder bezog. Es gibt heute wenig Kuratoren, die einen solch klaren Plan haben.

Bei all dem Starkult – dieser Mann muss doch auch eine Schattenseite gehabt haben.
Lang: Szeemann war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat die richtigen Entscheidungen getroffen. Aber er hat alles im Alleingang gemacht. Heute passiert die Arbeit viel mehr im Team, vergleichbar mit dem Produktionsprozess beim Film oder im Theater. Knoll: Szeemann gefiel diese Kontrolle. Er selber redet von Obsession. Ich finde Szeemann in seiner Berner Zeit am interessantesten. Was er hier in 8½ Jahren entwickelt und eingeführt hat, bildet den Nukleus für beinah alles, was er später tat. Was meist unkritisch betrachtet wird, ist seine ausgesprochene Selbstreferenzialität, wie er viele Strömungen und Veränderungen in der zeitgenössischen Kunst später ausgeblendet hat, auch hat er immer wieder die gleichen Künstler gezeigt. Lang: Szeemann war als Kurator in gewisser Weise selber Künstler, das kann problematisch sein. Auf jeden Fall wollten wir die Bar nicht Harry’s Bar taufen. (lacht)

Sabina Lang, Sie haben Daniel Baumann 1989 in der Reitschule kennen gelernt, eine wilde Zeit, die alternative Szene florierte. Was kann man für die Kunst aus der Magie solcher Momente ziehen?
Lang: Die bildende Kunst war in der Reithalle nie akzeptiert. Aber die alternative Szene war sicher prägend für unseren Werdegang. Wir waren beide sehr jung und haben unsere Ausbildungen abgebrochen, um Kunst zu machen. Dies natürlich auch aus einer gewissen Punk-Attitüde heraus. Entsprechend entstand unser frühes Werk aus einem wilden Gewucher.

Heute haben Sie eine sehr klare künstlerische Sprache.
Lang: Jeder Künstler legt sich seine Werkzeuge zurecht. Es ist fast eine Art selbst auferlegter Zwang. Wir haben uns für eine klare Ästhetik entschieden. Aber wir haben immer versucht, uns in Materialität oder Form eine Freiheit zu bewahren.

Dabei balancieren Sie auf der Schnittstelle zwischen Alltag, Design und Kunst. Viele Ihrer Objekte könnte man sofort in Massenproduktion geben, und Sie würden wahrscheinlich reich werden. Was hält Sie zurück?
Lang: Es ist sehr simpel: Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch, das würde nicht funktionieren. Als wir unser mobiles Hotel Everland für die Expo.02 gebaut haben, wollte jemand gleich zehn davon kaufen. Aber das interessiert uns nicht, uns fasziniert nach wie vor das Unikat, der Prototyp, die Auseinandersetzung mit einem ganz bestimmten Ort. Zudem sind es die Fragestellungen der Kunst, die uns interessieren.

Sie beziehen sich oft auf die Farbpalette der 60er- und 70er-Jahre. Wie viel Zukunft steckt in der Nostalgie?
Lang: Unsere Idee war nie, einer Zeit nachzutrauern, die wir gar nicht erlebt haben. Wir wollen Ideen aufgreifen, die es wert sind, weitergedacht zu werden.

Apropos Weiterdenken: Es gibt schon erste Stimmen, die finden, die Bar solle doch für immer bleiben. Wäre das realistisch?
Knoll: Die Bewilligung läuft bis Ende Oktober. Aber in meiner Vorstellung bleibt sie sicher länger. Lang: Drei, vier Jahre wären kein Problem. Aber wir wollen nicht, dass sie für immer bleibt. Denn dann würde ihr Zauber verschwinden.

Die Kunsthalle-Bar wird am Freitag, 18. Mai, um 17 Uhr eröffnet. Öffnungszeiten ab 19. Mai: Mo–Do 11–23.30 Uhr, Fr/Sa 11–0.30 Uhr, So 10–22 Uhr. Neben dem Barbetrieb (Restaurant Dampfzentrale) sollen hier auch Konzerte, Lesungen und mehr stattfinden. Zur Jubiläumsfeier wird ausserdem die Jubiläumspublikation vorgestellt, Princess P und Kejeblos sorgen für die Musik, es gibt Drag Performances und einen geführten Rundgang. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 07:12 Uhr

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