«Wir stürzen ab, aber wenigstens stürzen wir immer anders»

In Ariane Kochs neustem Theaterstück «Extase» geht es um den Moment, die Vergangenheit und die Zukunft.

Ariane Koch ist nicht nur im Kollektiv GWK aktiv, sie ist auch der freien Theaterszene engagiert.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Ariane Koch ist nicht nur im Kollektiv GWK aktiv, sie ist auch der freien Theaterszene engagiert.

(Bild: zvg)

Sie fragen in Ihrem Stück «Extase» danach, wie es in unserer Gesellschaft um den Moment steht. Wie steht es denn um diesen?
Es steht nicht so gut um den Moment, eigentlich ist er eher abwesend. Wir reden in unserer Gesellschaft viel mehr über die Vergangenheit oder über eine düstere Zukunft. Wir haben uns für unser Stück die Frage gestellt, woher diese Abwesenheit oder Momentfeindlichkeit kommt. Ein Faktor, der mitschwingt, glauben wir im Christentum identifiziert zu haben, welches für unseren Kulturkreis ja prägend war und ist und welches doch sehr stark auf eine Nüchternheit und eine Zukunft im Jenseits ausgerichtet ist.

Als Gegenmittel zur Momentfeindlichkeit identifizieren Sie die Ekstase. Also wilde Partynächte und Drogenrausch?
Nein. Ekstase steht bei uns vielmehr als Gefühl des Ausbruchs. Ich glaube, dass es in unserer Welt eine grosse Sehnsucht danach gibt, Gleichförmigkeit zu unterbrechen. Wir leben ja in einer Wohlstandskultur, in der man sich vor Routine, Alltag und Langeweile fürchtet. Ekstase bietet die Möglichkeit zum Ausbruch aus dem eigenen Leben, aus politischen Situationen oder Ohnmachtsgefühlen. In ekstatischen Zuständen lebe ich unmittelbar im Moment, die Vergangenheit und Zukunft sind ausgeschaltet. Solche Zeitabschnitte müssen aber nicht zwingend laut und exaltiert sein, sondern das können auch stille Momente der Auflehnung oder des Ausbruchs sein.

Sie unternehmen auf der Bühne eine «Exkursion ins Ekstatische». Was muss man sich genau darunter vorstellen?
Wir sind bei der Stückerarbeitung auf die Information gestossen, dass schon öfters Dirigenten während des Dirigierens gestorben sind. Das Bild des sterbenden Dirigenten war ein Startpunkt für unsere Arbeit. Musik und Ekstase gehen offenbar Hand in Hand, weswegen auch wir mit viel Musik arbeiten. Die Ekstase wird in fünf Kapiteln oder fünf Neu-Evangelien in ganz unterschiedlichen Tonalitäten verhandelt, beleuchtet, gezeigt und besungen. Dabei ging es uns auch um eine interkulturelle oder zumindest intereuropäische Exkursion ins Ekstatische. So ist zum Beispiel ein isländischer Opernsänger mit dabei oder eine griechische Schauspielerin. Interessant ist, wenn sogenannte Fremdsprachen auf der Bühne gesprochen werden und die Worte somit mehr zu musikalischen Elementen werden.

«Wir stürzen ab, aber wenigstens stürzen wir immer anders», ist ein Zitat aus Ihrem Stück. Offenbar beleuchten Sie auch die düsteren Seiten der Ekstase?
Ich denke, dass die Ekstase durchaus auch Gefahren birgt. Wenn zum Beispiel in religiösen oder politischen Reden Momente grosser Verbundenheit mit einer Gemeinschaft oder einer gewissen Idee erzeugt werden, dann ist ja oftmals Ideologie nicht weit. Es geht in unserem Stück einerseits um die Sehnsucht nach ekstatischen Momenten, andererseits wollen wir aber auch aufzeigen, dass solche Momente Boden schaffen für Manipulation und postfaktischen Populismus.

Was versetzt Sie persönliche in Ekstase?
Gin. Schlafentzug. Und sicher auch gute Literatur.

Der Bund

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