«Wir schauspielern nicht»

Berner Woche

Nach über 20 Jahren im Journalismus bringt This Wachter den Live-Podcast «Was wahr war» auf die Bühne. Darin geht es um Geschichten aus dem alltäglichen Leben.

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(Bild: thiswachter.com)

Xymna Engel

In Amerika sind Podcasts das Medienphänomen der Stunde. Hierzulande wird zwar viel darüber geschrieben, aber nur wenig produziert. Woran liegt das?
Simpel ausgedrückt: Amerika ist grösser und hat früher damit begonnen. In der kleinen Schweiz kommt vieles etwas später. Die Podcast-Szene in der Schweiz ist aber – wie jene in Deutschland – am Wachsen. Es gibt immer mehr Podcasts, und darunter auch immer bessere.

Sie haben sich während eines halbjährigen Aufenthalts in San Francisco stark mit Audio-Storytelling auseinander­gesetzt. Der Begriff des Storytelling ist auch aus den hiesigen Medienhäusern nicht mehr wegzudenken. Ist Amerika der bessere Geschichtenerzähler?
Storytelling ist ein Modebegriff, auf den einige bereits ziemlich allergisch reagieren. Wie auch immer: Die Amerikaner haben das Geschichtenerzählen nicht erfunden. Aber sie achten stärker als andere darauf, das Publikum in den Bann zu ziehen, sprich Spannung aufzubauen, zu überraschen und die Emotionen anzusprechen.

Sie selber haben viele Jahre als Print- und Radiojournalist gearbeitet, setzen mittlerweile aber ganz auf freie Projekte und Podcast-Produktion. Was treibt Sie an?
Die grenzenlose Freiheit, auf eine vorher für mich undenkbare Art kreativ zu sein. Und mich dabei gelegentlich auf Wege zu begeben, die für mich als Journalist früher tabu waren. Zum Beispiel Geschichten zu erzählen aus meinem engsten Umfeld.

Ihr Bühnen-Podcast «Was wahr war» ist «ein Amalgam von Audiojournalismus, Musik und Videokunst». Ihre Rolle ist die des Erzählers. Wie wird ein Text bühnentauglich?
Jede Geschichte stammt ursprünglich von mir. Doch die Fassung auf der Bühne ist das Produkt von vielen Diskussionen in unserem Trio Vomhörensagen, mit Klanggestalter Martin Bezzola und dem Mann fürs Visuelle, Manuel Schüpfer. Klar führe ich als Erzähler durch die Geschichten, aber sie wären ohne die anderen zwei Partner blutleer. Der Text ist natürlich stark von den eingespielten O-Tönen geprägt. Ich versuche einfach, möglichst mündlich zu formulieren und natürlich zu sprechen. Vor mir liegt das Skript, ein bisschen wie im Studio. Wir schauspielern nicht, mit Absicht. Im Zentrum steht das Hören, unterstützt vom Sehen.

In «Was wahr war» geht es um Sprayereien, Küsse und frischgebackene Juristen, kurz: um Geschichten aus dem Leben. Aber auch um die Unschärfe der Erinnerung. Welches Verhältnis haben Audiojournalismus und die Wahrheit?
Da machen Sie ein grosses Fass auf. Ob Audio oder nicht, Journalismus soll aus meiner Sicht faktenbasiert sein. Aber ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass der Begriff Wahrheit häufig als zu einfach verstanden wird. Wer die Wahrheit für sich gepachtet hat, ist mir suspekt. Denn gräbt man tiefer, stellt man fest: Es gibt oft mehr als eine Wahrheit. Und wenn die Erinnerung ins Spiel kommt, wird aus Wahrheit häufig Fiktion, erdichtet von unserem eigenen Gehirn. Diese Gedächtnisfiktion belebt die sogenannt wahren Geschichten aus unserem Leben.

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