«Wie Speed Dating, aber ohne Speed und ohne Date»

Die Berner Sängerin Stephanie Beutler sieht Menschen als Bücher und umgekehrt. Darum hat sie die «Human Library» im Lehrerzimmer ins Leben gerufen.

«Wir schaffen die Atmosphäre, damit die Gäste wissen: Hier darf ich.»

«Wir schaffen die Atmosphäre, damit die Gäste wissen: Hier darf ich.» Bild: zvg

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Sie laden jeweils zu einem Thema Gäste ein, die ihre Geschichte erzählen und Fragen beantworten. Das klingt nach einer Talkshow.
Die Human Library ist eher wie Speed Dating, aber ohne Speed und ohne Date. Ich definiere ein Thema und lade Gäste ein, die an einem Tisch Platz nehmen und zu denen man sich dazusetzen kann. Dieser direkte eins-zu-eins-Kontakt: Darum geht es.

Die erste Ausgabe ging bereits über die Bühne. Wie war es?
Das Publikumsinteresse war gross, was sicherlich mit den Gästen zu tun hatte: Maria, eine der bekanntesten Dominas der Schweiz, ein männlicher Sexarbeiter und eine Frau, die ohne Geld um die Welt gereist ist. Der Abend lief unter dem Motto «Spezielle Berufe und Lebensführungen». Ausserdem hat ein Schauspieler von seiner Arbeit als Clown im Inselspital erzählt. Was mir besonders geblieben ist: Unter seinen Utensilien befindet sich ein Leim, der sich zu einem Ballon aufblasen lässt. Schon allein das Betrachten dieser schwebenden Kugel helfe Kindern mit Schmerzen, sich zu entspannen.

Wir könnten doch auch im Alltag offener und neugieriger kommunizieren. Weshalb braucht es für diese Art von Austausch die Human Library?
Falls uns im Alltag ein Spitalclown oder ein Sexarbeiter begegnet, erfahren wir das oft gar nicht. Und wenn, dann sind die Hemmungen zu gross, um Fragen zu stellen. Bei der Human Library aber geht es explizit darum, der Neugierde freien Lauf zu lassen. Wir schaffen die Atmosphäre, damit die Gäste wissen: Hier darf ich.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Menschen mit Büchern gleichzusetzen?
Dieses Konzept existiert bereits und stammt ursprünglich aus Dänemark. Das Ziel dabei ist, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, wobei die Begegnung und das Verständnis füreinander die Basis bilden. Die Human Library ist ein Mittel, diese zu fördern.

Die nächste Ausgabe läuft unter dem Motto «Körperliche und geistige Beeinträchtigung». Was erwartet uns?
Wir haben einen Gast eingeladen, der seit seiner Geburt im Rollstuhl ist. Er wird nebst seinen Erlebnissen im Alltag auch erzählen, welche Erfahrungen er mit dem Schweizer Gesundheitssystem gemacht hat. Ihn habe ich gezielt ausgewählt, um Fragen zu klären wie: Wozu brauchen gesundheitlich beeinträchtigte Menschen Unterstützung vom Staat? Und wie viel kostet das? Ausserdem erzählen zwei Personen von Sex Care, einer Organisation, die Nähe und Sex für körperlich Beeinträchtigte vermittelt. Auch interessant ist die Geschichte eines Mannes, der mit der Diagnose ADHS lebt. Dieses Thema wird abgerundet von einem Berner Arzt, der eine Praxis führt, die auf ADHS spezialisiert ist. Ich freue mich, wenn der Abend so verläuft wie beim letzten Mal: Die Gespräche waren so intensiv wie gute Bücher, die man kaum weglegen mag.

Freitag, 27. 7., ab 18 Uhr.

(Der Bund)

Erstellt: 26.07.2018, 06:45 Uhr

Zur Person

Menschen, die sich wie Bücher öffnen und Geschichten erzählen: Das ist die Human Library. Die Berner Sängerin (Stan or Itchy) Stephanie Beutler hat während ihres Studiums der soziokulturellen Animation in Luzern von diesem Prinzip erfahren und bringt es in Form eines abendfüllenden Anlasses in das Lehrerzimmer.

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