Was mache ich eigentlich hier?

Von der Manipulation des Zuschauers bis zum Bekenntnis-Theater: Das Schlachthaus zeigt drei Stücke von Künstlern, die sich mit der Situation auf der Bühne beschäftigen.

Eine Rolle anprobieren: In den Shows des Kollektivs Gob Squad spielen auch Zuschauer mit.

Eine Rolle anprobieren: In den Shows des Kollektivs Gob Squad spielen auch Zuschauer mit.

(Bild: Jean-Philippe Offort/zvg)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Dem deutschen Schauspieler und Performer Johannes Dullin ist letzthin etwas Erstaunliches passiert: Er wurde öffentlich als neuer Geheimtipp im deutschsprachigen Theater gehandelt, obwohl das eigentlich gar niemand über ihn gesagt hatte. Wie das geht? Die Macht der Behauptung. Johannes Dullin kündigte sich im Beschrieb zu seiner Show einfach selbst in den höchsten Tönen an, was prompt die Runde machte und am Ende als Fakt gehandelt wurde.

Wen das an die Strategien eines Donald Trump erinnert, der liegt richtig. Für sein neustes Projekt, das im Rahmen des Masterstudiengangs Expanded Theater der Berner Hochschule der Künste entstanden ist, befasste sich Dullin mit dem Begriff des Postfaktischen, der in der Zeit von Trumps Wahlkampf aufkam – und der für Dullin viel mit der Bühnensituation zu tun hat: «Die Behauptung ist ein Urantrieb des Theaters.» Eine Aussage mit grosser Fallhöhe stellt auch der Titel seines Solo-Stücks dar: «The Best Piece of This Season», das beste Stück dieser Saison, heisst es bewusst anmassend.

Darin spielt Dullin einen Autor, der während einer Nacht das Stück schreiben will, das ihm endlich zum Durchbruch verhelfen soll. Wobei der Titel der Darbietung die Vermutung nahelegt, dass Dullin im Prinzip sich selber spielt. Genau darauf zielt Dullin auch ab: Realität und Fiktion sollen verschmelzen und das Geschehen soll «den Zuschauer manipulieren und in seinen Bann ziehen».

Sitzen und reden

Dullins «Best Piece» ist eines von drei Projekten, die bald im Schlachthaus zu sehen sein werden und in denen sich die Performerinnen und Performer alle mit ihrer Situation auf der Bühne und mit dem Moment des Erschaffens befassen. Bei Jérôme Bels «Pichet Klunchun and Myself» bekommt das eine fast schon andächtige Note. Der französische Choreograf, der bekannt ist für sein performatives, manchmal radikal konzeptuelles Tanzverständnis, sitzt darin dem thailändischen Tänzer Pichet Klunchun gegenüber.

Vom traditionellen Maskentanz, den Klunchun praktiziert, bekommt das Publikum allerdings nicht viel zu sehen. Überhaupt bewegen sich die beiden Protagonisten kaum von der Stelle; stattdessen befragen sie sich gegenseitig über ihre künstlerischen Hintergründe und führen ihre Herangehensweisen manchmal auch gleich vor. Das klingt zwar erst mal reichlich trocken; weil Bel und Klunchun aber – ähnlich wie Johannes Dullin – wissen, dass sich Bühnenkunst mit allzu hohem Streben auch schnell lächerlich macht, entfaltet ihr Dialog immer wieder einen feinsinnigen Witz. Ferngesteuerte Zuschauer

Neben dem Bekenntnis-Theater von

Jérôme Bel wirkt der Ansatz des deutsch-britischen Performancekollektivs Gob Squad fast schon hemdsärmelig. «Wir versuchen uns immer einen Grund oder eine Aufgabe auszudenken, warum wir auf der Bühne stehen und warum die Zuschauer uns dabei zusehen sollen», sagt Bastian Trost, der seit 2003 zur Gruppe gehört. Auch Gob Squad rücken in ihren Produktionen oft das Vorzeigen selbst ins Zentrum. Anders als Jérôme Bel und sein Bühnenpartner Pichet Klunchun, die vor Publikum ihre Kunst reflektieren, interessieren sich Gob Squad vor allem für ihre Umgebung, das heisst die «Realität des Ortes», wie es Trost ausdrückt. «Oft wird unsere Herangehensweise deshalb als ein Aufbrechen der ‹normalen Zuschauersituation› wahrgenommen. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass diese Realität auf der Bühne häufig ignoriert wird.»

Statt also eine «vierte Wand» aufzubauen, das heisst, das Publikum während der Aufführung auszublenden, arbeiten Gob Squad mit der Methode des «Remote Acting» (zu deutsch etwa: ferngesteuertes Schauspiel): Einzelne Zuschauer bekommen Kopfhörer, über die sie die Stimme eines Schauspielers hören, die ihnen auf der Bühne Anleitungen gibt. Dabei geht es Gob Squad um den Verfremdungseffekt, der dabei entsteht: «Das Zusammenspiel von Performern und Zuschauern ist es, was uns interessiert.» Im Stück «We Are Gob Squad and So Are You», mit dem sie nach Bern kommt, erklärt die Gruppe ihre Arbeitsweise, indem sie die Technik des «Remote Acting» direkt anwendet.

Die leere Bühne

Alle drei Produktionen verbindet also eine Art Show-and-Tell-Charakter; sie sind für Maike Lex, Leiterin des Schlachthaus-Theaters, ausserdem «exemplarisch für das zeitgenössische freie Bühnenschaffen, für das das Schlachthaus-Theater unbedingt steht». Und so verschieden die Stücke letztlich sind, sie arbeiten alle drei mit einer praktisch leeren Bühne. Ein deutliches Zeichen dafür, dass hier eben nicht die Fiktion, sondern vielmehr ihre Gemachtheit im Zentrum steht. Und damit die auch für Künstler existenzielle Frage: Was mache ich eigentlich hier?

Schlachthaus-Theater Jérôme Bel: «Pichet Klunchun and Myself» (Mi und Do, 8. und 9. 11.); Johannes Dullin: «The Best Piece of This Season» (Fr, 10. 11.); Gob Squad: «We Are Gob Squad and So Are You» (Sa, 11. 11.). www.schlachthaus.ch

Der Bund

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