Zum Hauptinhalt springen

«Warum sollte ich eine weisse Rolle spielen?»

Mbene Mwambenes Weg in die Schweiz war kein einfacher. Nun steht der HKB-Absolvent mit seiner Performance «The Whispers» auf der Bühne.

Sein Studium in der Schweiz konnte sich Mbene teilweise durch Crowdfunding selber finanzieren.
Sein Studium in der Schweiz konnte sich Mbene teilweise durch Crowdfunding selber finanzieren.
Franziska Rothenbühler

«The Whispers» ist der Titel Ihrer neuen Performance. Wer flüstert denn da?

Ich meine damit uns alle. Und all die geflüsterten Dinge, über die wir nicht laut zu sprechen wagen. Wir glauben, uns durch das Flüstern schützen zu können, aber das Gegenteil ist der Fall.

Sie selber flüstern nicht: «The Whispers» ist eine Kolonialisierungsgeschichte, die auch eine Geschichte ihrer eigenen Familie ist.

Das Stück besteht aus einer Serie von Monologen. Im ersten Teil geht es um meine persönliche Geschichte, in der Fantasie und Wirklichkeit sich vermischen. Ausserdem bin ich auf einen Text von Max Frisch von 1952 gestossen, in dem er seine Erfahrungen in Amerika verarbeitet. Den Tanz der Afroamerikaner beschreibt er «als Zeremonie, die sich selbst genug ist». Aber auch das ist ein Klischee, nicht jeder Afroamerikner ist ein guter Tänzer. Mir geht dabei es vor allem um die Frage: Ist das positiver Rassimus oder nicht? Wie bewerten wir diesen Text heute?

Ihre Art der Performance ist sehr eigen: Auf der Bühne kreieren Sie eine eigene Welt nur mit Körper und Stimme, ohne grossartige Bühnenbilder oder Kostüme. Wie haben Sie zu diesem Stil gefunden?

Ein Vorbild war sicher mein Grossvater, er war ein grossartiger Geschichtenerzähler. Ich habe Journalismus studiert und hatte, bis ich nach Bern kam, keine klassische Ausbildung im Theater. Meinen Stil habe ich im Laufe der Jahre selber entwickelt. Mich fasziniert die Verbindung von Sprache, Musik, Tanz und Emotionen.

Bei «The Whispers» stehen Sie ganz allein auf der Bühne. Wie üben Sie das?

Manchmal übe ich vor dem Spiegel, oft aber auch ganz spontan im Wald oder im Wohnzimmer. Mir reicht ein Gedanke, der mich antreibt, dann kommt der Ausdruck wie von selbst. Bei «The Whispers» hat Ntando Cele Regie geführt, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzt.

Sie haben letztes Jahr Ihr Masterstudium an der HKB abgeschlossen. Wie haben Sie die Jahre in der Schweiz verändert?

Ich weiss nicht, ob sie mich veändert haben, aber ich habe viel gelernt. Im Gegensatz zu meiner Heimat wird hier sehr lange an Konzepten geschrieben und über Texte und Kostüme nachgedacht. Am Anfang musste ich mich sehr in Geduld üben. Auch die Art, wie Schauspieler sich hier eine Rolle aneignen, kam mir am Anfang sehr distanziert vor.

Frantz Fanon, ein Vordenker der Entkolonialisierung. sagte einst, dass schwarze Menschen niemals der Tatsache hinter sich lassen können, dass sie schwarz sind. Bei Ihnen ist es aber gleichzeitig auch das Material, aus dem Sie ihre Kunst schöpfen. Wie gehen sie mit diesem Umstand um?

Es ist mehr Fluch als Segen. In meiner Heimat war Rassismus für mich kein Thema, in der Schweiz aber muss ich mich ständig gegen die Bilder wehren, die meine Umgebung von einem modernen schwarzen Mann hat. Klar, meine Erfahrungen sind auch meine künstlerische Inspirationsquelle. Aber in dem Moment, wo ich hier auf der Bühne stehe, ist das Leben von vielen anderen aufgrund ihrer Hautfarbe direkt bedroht. Auch die weltweiten Standards im Theater sind sehr eurozentristisch. Ich habe früher damit gehadert, dass ich viele Rollen nicht spielen kann. Aber heute frage ich mich: Warum sollte ich eine weisse Rolle spielen? Viel lieber versuche ich, meine eigene Rolle zu kreieren.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch