Vom Rosswagen zum Blade Runner

In Bern wird seit längerem das Archiv des Regisseurs Clemens Klopfenstein aufgearbeitet. Doch in der Familie Klopfenstein sind auch andere filmisch tätig.

Zwei Nachtfilmer: Clemens Klopfstein wurde 1997 mit «Geschichte der Nacht» bekannt, sein Sohn Lukas Tiberio drehte 2012 «Figures in a Nightscape».

Zwei Nachtfilmer: Clemens Klopfstein wurde 1997 mit «Geschichte der Nacht» bekannt, sein Sohn Lukas Tiberio drehte 2012 «Figures in a Nightscape».

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Als Brigitte Paulowitz vor knapp fünf Jahren ihre Stelle als Filmrestauratorin in der Kinemathek Lichtspiel antrat, standen da zwei Paletten mit Material, noch unbesehen. Es waren Filme von Clemens Klopfenstein, dem Berner Regisseur, der seit über 40 Jahren in Italien lebt. Die Archivkopien seiner Langfilme – «Geschichte der Nacht» etwa, «Transes» oder «Das Schweigen der Männer» – befinden sich in der Cinémathèque in Lausanne. Aber da sind noch unzählige frühe Kurzfilme, die Klopfenstein vor dem Umzug nach Italien der Berner Fotostiftung anvertraut hatte. Über diesen Umweg kamen die zum Teil fragilen Originale schliesslich ins Lichtspiel.

«Ich habe das Material gesichtet und aufgearbeitet», sagt Paulowitz. «Darunter waren viele nicht verwendete Szenen aus den Langfilmen sowie Experimentelles.» Und es fand sich sogar eine vergessene Perle: das Rohmaterial des nie fertiggestellten Films «La Luce Romana vista da Ferraniacolor» von 1974. Clemens Klopfenstein selber machte sich, als die Filmstreifen digitalisiert waren, daran, «La Luce Romana» endlich zu montieren.

Er sei damit eigentlich fertig, sagt der Regisseur am Telefon, zu Hause im umbrischen Bevagna. Aber nur «eigentlich». Denn kurz vor der Ziellinie gerieten sich Klopfenstein und sein Sohn Lukas Tiberio in die Haare. Klopfenstein junior, muss man wissen, ist ebenfalls Filmemacher; aber ein «Blockbustermensch», wie sein Vater sagt. Während Clemens in seinen Filmen das sympathisch Windschiefe geradezu sucht, trimmt Lukas Tiberio seine Bilder mit allem, was der digitale Gerätepark hergibt. Er ist Visual-Effects-Spezialist und nach dem Studium nach Vancouver gezogen, wo er etwa an Denis Villeneuves «Blade Runner 2049» mitgearbeitet hat; dafür gewann er mit seinem Team dieses Jahr einen Oscar.

Eine Art Familienbetrieb

Clemens Klopfenstein hat seinen beiden Söhnen immer davon abgeraten, Filmemacher zu werden – zu brotlos. «Allerdings dachte ich dabei immer an die Schweizer Regisseure. Lukas war so schlau, dass er gleich bei den Grossen einstieg», sagt der Vater nicht ohne Stolz.

Lukas Tiberio, Cuno Lorenz und Clemens Klopfstein (v.l.n.r.) Foto: zvg

Aber eben, bei der gemeinsamen Arbeit an «La Luce Romana» hatten der «Blockbustermensch» und der Experimentalfilmer unterschiedliche Vorstellungen punkto Timing und Schnitt, und so wird der lange verschollene Film noch ein wenig länger unveröffentlicht bleiben. Einen Einblick in die Filmarbeit der Klopfensteins gibt es nun aber trotzdem: in einem Programm mit frühen Kurzfilmen von Clemens, Werken von Lukas Tiberio sowie einem Making-of von «Blade Runner 2049». Und auch Cuno Lorenz, der andere Sohn, hilft mit im Familienbetrieb: Er ist Informatik-Professor und bändigt die Terabytes an Filmdaten.

Aber da gibt es noch jemanden. Der erste Klopfenstein, der mit einer Kamera hantierte, war Clemens’ Vater Albert. «Man sagt, dass er den ersten Radioempfänger von Lyss gebaut hat», erzählt Klopfenstein am Telefon. Überhaupt sei sein Vater technisch interessiert gewesen, er habe sich früh eine Kamera gekauft, seine Umgebung gefilmt. Darum wird der Klopfenstein-Abend nun mit einem 4-Minüter von 1939 eröffnet, der die Mitglieder des Amtsgerichts Büren bei einem Ausflug mit Ross und Wagen zeigt. «Es ist eine sehr hübsche Sache, man sieht, wie das ganze Amtsgericht aussteigt und die Kutsche bergauf schiebt, als es dem Pferd zu viel wird.»

Von Büren zum Blade Runner: Das ist gleichzeitig Film- und Familiengeschichte – und überhaupt eine runde Sache. «Ich habe mich lange ein wenig allein gefühlt mit meinen Experimentalfilmen, diesem seltsamen Zeug», sagt Clemens Klopfenstein. «Jetzt weiss ich: Ich bin ein Glied in der Kette der Generationen.»

Kinemathek Lichtspiel Sa, 3.11., 19 Uhr. Um 22 Uhr läuft im Rex die restaurierte Version von «Transes». (Der Bund)

Erstellt: 01.11.2018, 07:09 Uhr

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