Vier Hände, ein Licht

Sie sind das doppelte Lottchen des Kunstbetriebs: Irina und Marina Fabrizius sind unzertrennlich – auch auf der Leinwand.

Ein Bild wie ein plötzlich auftretendes Fieber: «Strich weiss im Goldschwarz» (2016) von Fabrizius2.

Ein Bild wie ein plötzlich auftretendes Fieber: «Strich weiss im Goldschwarz» (2016) von Fabrizius2. Bild: Fabrizius2

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Als die Figuren aus ihren Bildern verschwanden, hörten die Schwestern auf, miteinander zu sprechen. Wenn Irina und Marina Fabrizius mit ihren Pinseln heute über die Leinwand gleiten, scheint es, als wäre ein einziger Körper mit vier Händen am Werk, da braucht es keine Worte. «Ich bin sie, sie ist ich, die ganze Zeit», sagt Irina.

Zwilling, das ist das erste deutsche Wort, das die 1981 in Kasachstan geborenen Schwestern in Baden-Württemberg lernen, da sind sie neun Jahre alt. Auf Kinderfotos tragen sie die gleichen Blumenkleider, Sandalen und bunten Wollpullover. Schon damals malen sie, jede für sich. Doch die Motive sind oft dieselben: Sonnenblumen, Häuser, die Wiesen rund um den kleinen Hof der Eltern. Ihre Mutter lehrt sie, genau hinzuschauen. Und dass Gelb viele Farben sein kann.

In der Pubertät soll die Kleidung den Unterschied machen, doch es funktioniert nicht. «Sie mag Grün, ich mag Grün, sie mag Katzen, ich mag Katzen. So ist das.» Welche der Schwestern in Interviews gerade spricht, ist nur schwer auszumachen. Wenn sie lachen, bilden sich die gleichen Grübchen, sie kaufen dieselben unauffälligen Kleider, binden ihr weizenblondes Haar auf die gleiche Weise zurück. Sie haben den gleichen Blick.

2005 bewerben sich die Zwillinge an der Kunstakademie Düsseldorf, auf einem Dossier steht «Unzer», auf dem anderen «trennlich». Kaum aufgenommen, übertragen sie dieses Prinzip auf ihre Kunst. Einmal malt Irina ein Bild mit kopfüber hängenden Bäumen, aber die Schatten, die bekommt sie einfach nicht hin. Am Schluss macht es Marina – und zwar genau so, wie Irina sich es vorgestellt hat. Nach diesem Schlüsselerlebnis fangen sie an, zusammen am selben Bild zu malen und lassen die figürliche Malerei hinter sich.

Aus dem Sonnenuntergang ihrer Kindheit wird ein leuchtender gelber Strich, aus dem Nebel ein Kreis ohne Konturen. Unter dem Namen Fabrizius2 entwickeln sie eine eigene Lasurtechnik und schaffen fast monochrome, grossformatige Ölbilder, die glühen wie ein plötzliches Fieber. Ihre Werke sind nun erstmals in der Schweiz zu sehen, in der Galerie Rigassi by Soon, die im Rahmen des Berner Galerien-Wochenendes ihre Türen öffnet.

Dann machte es «Bumm»

Irina und Marina waren die ersten, die in Düsseldorf mit einer gemeinsamen Arbeit abschlossen. Danach machte es «Bumm», wie sie es beschreiben: Es folgte eine erste Einzelausstellung in Graz, berühmte Fussballer kauften ihre Bilder, die «Bild» schrieb über die «schönen Schwestern». Klar, das hat Story, das doppelte Lottchen des Kunstbetriebs lässt sich gut vermarkten. Doch um relevante Kunst zu machen, reicht es nicht, nur besonders zu sein. Man muss auch etwas Besonderes erschaffen.

Wer die Bilder von Fabrizius2 nur in Kataloggrösse betrachtet, könnte meinen, sie würden sich dem Platz über dem Sofa anbiedern, als hätten sie den Sprung aus den 60er-Jahren nicht geschafft, wo Lichtromantik und Farbflächen noch zu denken gaben. Doch in echt betrachtet, offenbart sich ihre Kunst mit voller Wucht: Das Licht leuchtet wie der erste Strahl der Morgensonne durch die Jalousie, man erkennt, wie sich die Farben gegenseitig brauchen, wie ein bisschen zu viel alles ruiniert hätte.

Vor allem: Ein solch vermeintlich reduziertes Bild ist viel schwieriger zu malen als ein figürliches. Die Farben müssen sich gegenseitig zum Leuchten bringen, manchmal vertragen sich halbdeckende-, deckende- und Lasurfarben nicht, die Farbe trocknet schnell, es kann Ränder und Runzeln geben. Die Perfektion von Fabrizius2 braucht vier Hände – und eine identische Pinselführung.

Diese Kunst will weder die Welt verändern, noch ist sie Ausdruck unserer Zeit. Doch sie leuchtet von innen heraus. Sie lässt die Natur vibrieren, ohne sie darzustellen. Und gerade jetzt, wo Abgrenzung und Individualität alles ist, erst recht im Kunstbusiness, ist diese Art der Kooperation mehr als erfrischend.

Galerien-Wochenende Sa, 14. & So, 15. 1., 11–17 Uhr. www.vereinbernergalerien.ch

Galerie Rigassi by Soon Do, 12. Januar, 18 Uhr. Bis 18. Februar. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2017, 07:48 Uhr

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