Vergesst die Jungen nicht!

Klein, aber fein ist das Festival Literarischer Herbst Gstaad im Saanenland. Erstmals steht auch eine Lesung für Kinder auf dem Programm.

Zurück zu den Wurzeln: Die Hamburger Autorin Anja Kampmann.

Zurück zu den Wurzeln: Die Hamburger Autorin Anja Kampmann. Bild: Waldmagazin

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Der literarische Nachwuchs blüht im Saanenland. Unübersehbar stark vertreten sind dieses Jahr Autorinnen und Autoren, die jüngst erfolgreiche Debüts vorgelegt haben. Die Berner Germanistin Liliane Studer, die seit der ersten Ausgabe des Festivals Literarischer Herbst Gstaad 2011 das Programm verantwortet, freut sich selbstverständlich auf alle eingeladenen Gäste – von Peter Stamm über Arno Camenisch bis zu Raphael Urweider, der nach zehn Jahren mit «Wildern» einen neuen Gedichtband veröffentlicht hat, in dem er zwischen Expeditionen in Grossstädte und in die Natur pendelt. «Wenn ich aber etwas hervorheben muss, dann sind es junge Autorinnen und Autoren, die für ihre Debüts zu Recht gelobt wurden, weil sie auf eine je einzigartige Weise mitreissend erzählen.»

Gemeint ist damit etwa die 26-jährige Österreicherin Marie Gamillscheg, die den Leser im Roman «Alles was glänzt» in eine allmählich verschwindende Welt mitnimmt. Vielstimmig erzählt ihr Debüt von einer kleinen Schicksalsgemeinschaft im Schatten eines mächtigen Bergs. Die 35-jährige Hamburgerin Anja Kampfmann folgt in ihrem Roman «Wie hoch die Wasser steigen» einem polnischen Ölarbeiter auf einer Plattform, der nach dem Tod seines einzigen Freundes aufbricht, um seine Wurzeln zu suchen. Anja Kampmanns Roman erzählt vom Versuch, aus einer bodenlosen Arbeitswelt zurückzufinden ins eigene Leben. Die 30-jährige Baslerin Gianna Molinari legt in «Hier ist noch alles möglich» eine geschliffene Parabel vor über Grenzziehungen und -überschreitungen: Eine junge Nachtwächterin sucht auf dem Gelände einer Verpackungsfabrik nach einem Wolf, der angeblich ins Gelände eingedrungen sein soll.

Schelmenroman und Autopsie

Auf grosse Resonanz ist auch der Journalist Michael Hugentobler mit seinem Romanerstling «Louis oder der Ritt auf der Schildkröte» gestossen. Die Geschichte eines Schweizers, der von sich behauptete, Ende des 19. Jahrhundert als einziger Weisser unter Aborigines gelebt zu haben, erzählt Hugentobler als klassischen Schelmenroman mit einem Hochstapler, in dessen erstaunlichem Leben die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit verwischen.

Neben Hugentobler liest in der reformierten Kirche Zweisimmen, wo erstmals der Cantate Chor die Lesungen umrahmt, auch die 56-jährige Westschweizerin Pascale Kramer. Sie lebt seit vielen Jahren in Paris und gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Romandie. Zuletzt veröffentlichte sie vor zwei Jahren den Roman «Autopsie d’un père» (auf deutsch 2017 im Rotpunkt-Verlag erschienen) über einen ehemals linken 68er-Journalisten, der auf die rechtsextreme Seite wechselt und junge Leute in seinem Dorf verteidigt, die eine Schwarze getötet haben. Nachdem er sich, isoliert und geächtet, das Leben genommen hat, versucht seine Tochter, in ihrer Trauer den schockierenden Rechtsruck ihres Vaters zu verstehen.

Erstmals wird dieses Jahr eine Lesung für Kinder angeboten; Lorenz Pauli tritt im Jugend- und Freizeitzentrum Oeyetli in Saanen auf. «Lorenz Pauli wird sich hinstellen und Geschichten erzählen», sagt Liliane Studer, «so wie er das immer und immer wieder neu macht, denn er weiss, wie er die Kinder begeistern kann.»

Auch dieses Jahr dürfte die Abschlussveranstaltung am Sonntagnachmittag im Hotel Bellevue in Gstaad gleichzeitig einen Höhepunkt des Festivals markieren. Die deutsche Schauspielerin Hannelore Hoger, bekannt geworden als TV-Kommissarin Bella Block, präsentiert in ihrer charakteristisch bärbeissig-ironischen Tonlage ein eigens für das Festival zusammengestelltes Robert-Walser-Programm.

Gstaad, Saanen, Zweisimmen, Do, 13., bis So, 16. September. Weitere Informationen auf: www.literarischerherbst.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2018, 07:22 Uhr

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