«Unsere Musik ist laut, scheppernd und roh»

Berner Woche

Der E-Bass passt zu Martina Berther wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Ihre Musik hat nichts mit Punk zu tun, sagt Martina Berther.

Ihre Musik hat nichts mit Punk zu tun, sagt Martina Berther.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

Im Vorfeld der Swiss Music Awards wurde es wieder mal diskutiert: das «Frauenproblem» der Schweizer Popmusikszene. Am Schluss herrschte – wieder mal: Ratlosigkeit. Sie gehören zu den umtriebigsten Schweizer Musikerinnen. Haben Sie einen Rat?
Mir scheinen Sichtbarkeit und Sensibilisierung im Kleinen und im Grossen wichtig. Musikschaffende, Veranstalter, Medien, Presse und Schulen sowie Musik-und Musikhochschulen müssen mithelfen. Wir haben uns zu sehr an die gängigen Strukturen gewöhnt, sie sind schwierig aufzubrechen. Ich würde Quoten einsetzen, denn ich bin überzeugt, dass sichtbare Diversität wichtig ist für unsere Gesellschaft – und die Musik bereichert.

«Be Loud» heisst einer der Songs, den Sie mit der Schlagzeugerin Béatrice Graf unter dem Namen Ester Poly veröffentlicht haben. Wäre das auch eine Lösung, lauter werden?
Das ist tatsächlich der Hintergrund des Titels. Allerdings beziehen wir das auf alle Frauen. Wir fordern sie auf, laut ihre Meinung zu sagen, auszubrechen, entgegen ihrer gesellschaftlichen Konditionierung.

Wie wird aus Lärm etwas musikalisch Interessantes?
Wir verbringen beide sehr viel Zeit an unseren Instrumenten, forschen und versuchen, uns weiterzuentwickeln. Uns ist es mit dem Musikmachen sehr ernst. Aber klar, es ist eine Gratwanderung. Wir wollen nicht unbedingt gefallen, aber wir möchten das Publikum trotzdem mit unserer Musik ansprechen.

Wie viel Punk steckt da drin?
Ich glaube, man schreibt uns dieses Punkige zu, weil wir zwei Frauen sind, die einfach das machen, worauf sie musikalisch Lust haben. Unsere Musik ist oft laut, scheppernd und roh, also nicht unbedingt «ladylike». Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Punk-Attitüde auch wahrnehmen würde, wenn wir Männer wären und genau das Gleiche machen würden.

20 Jahre trennen Sie und Ihre Mitmusikerin. Wie klingen diese letzten 20 Jahre? Was haben Sie von ihr gelernt?
Die Konsequenz, mit der Béatrice ihr musikalisches Schaffen bis heute durchzieht, beeindruckt mich. Auch profitiere ich von ihrer gesellschaftskritischen Haltung. Ihrem Schlagzeugspiel höre ich an, dass sie aus einer anderen Generation kommt. Sie hat eine andere Soundvorstellung, und ihr Spiel ist hoch energetisch, was mich inspiriert.

Die Texte auf Ihrem Album «Pique Dame» sind zum Teil sehr provokativ und sozialkritisch. Sie haben auch schon in der Türkei und in Benin gespielt. Wie haben die Leute dort auf Ihre Musik reagiert?
Unsere Musik war für viele bestimmt eine grosse Herausforderung. Schon nur die Tatsache, dass wir zwei Frauen sind, konnten einige im Publikum kaum glauben. In der Türkei haben wir in alternativen Cafés und Clubs gespielt, dadurch haben wir vor allem junge Leute erreicht, welche offen und sehr interessiert waren. Ich erinnere mich, dass an einem Konzert eine Frau ein Kopftuch trug. Neben ihr sassen drei Männer. Die Männer verliessen nach dem ersten Song kopfschüttelnd den Raum, während die Frau mit einem breiten Lächeln im Gesicht bis zum Schluss blieb. Das war ein wunderschöner Moment für mich.

Der Bund

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