«Telenovelas kommen nicht infrage»

Seit 14 Jahren veranstaltet Claudia de Assis in ihrem «Espaço Cultural Cinema Parabólica» brasilianische Kultur und zeigt mitunter auch Filme, die verstören.

Sie will mit ihrer Filmauswahl die brasilianische Realität abbilden: Claudia de Assis.

Sie will mit ihrer Filmauswahl die brasilianische Realität abbilden: Claudia de Assis. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Das ganze Aufsehen um die eigene Person ist ihr offensichtlich nicht ganz geheuer. Sie halte sich normalerweise lieber im Hintergrund, sagt Claudia de Assis etwas verlegen beim Interviewtermin. Vor rund 30 Jahren kam die heute 55-Jährige der Liebe wegen aus dem Nordosten Brasiliens in die Schweiz. Anfänglich habe sie in Gastrobetrieben gearbeitet, für sie sei aber schnell klar gewesen, dass sie damit längerfristig unterfordert wäre. Entsprechend absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung, leitete in der Buchhandlung Stauffacher die Abteilung für portugiesische Literatur, bis diese geschlossen wurde, und hatte von da an verschiedene Temporärstellen inne.

Daneben entwickelte Claudia de Assis früh auch erste Ideen für eine interkulturelle Zusammenarbeit und setzte diese zum Beispiel bei Radio Rabe mit der Sendung «Espaço Brasil» um. Des Weiteren war sie Mitglied im Vorstand des brasilianischen Frauenvereins Atitude, dem Sie heute als Präsidentin vorsteht. Zudem hat de Assis vor 14 Jahren «Espaco Cultural Cinema Parabolica» ins Leben gerufen – eine Plattform, welche brasilianische Kultur ins Zentrum rückt. Monatlich veranstaltet sie auf Nonprofitbasis Filmvorführungen, Konzerte und Lesungen im Politforum Käfigturm. Zwischen 20 bis 30 Leute würden jeweils vorbeischauen, manchmal kämen mehr Schweizer und Schweizerinnen, dann wiederum seien mehr brasilianische Landsleute im Saal.

Die Filme, welche im Cinema Parabolica gezeigt werden, sucht de Assis selber aus. Ihr sei wichtig, dass es sozialkritische Filme seien, welche sich abseits des Mainstreams bewegten, einen berührten, wachrüttelten oder auch mal ratlos zurückliessen und die sowohl aktuelle als auch traditionelle Themen der brasilianischen Kultur verhandelten. «Telenovelas, also kitschige Liebesfilme, kommen nicht infrage», sagt die Veranstalterin mit Bestimmtheit.

Knallende Türen

Einer der ersten Filme, welche Claudia de Assis in ihrem Cinema Parabolica zeigte – damals noch in der Länggasse beheimatet – war «Amarelo Mango» ihres Bruders Claudio Assis. Während der Film sowohl in Brasilien als auch international mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden war, sorgte er in Bern dafür, dass während der Vorführung einige der Zuschauer türknallend den Kinosaal verliessen. Sie könne das verstehen, sagt Claudia de Assis, sie selber habe auch ein paar Mal leer geschluckt, als sie den Film zum ersten Mal gesehen habe.

Claudias älterer Bruder, der 58-jährige Filmemacher Claudio Assis, ist ein Vertreter des «Cinema novo», also jener Stilrichtung, die seit den Sechzigerjahren wegweisend wurde für das filmische Schaffen innerhalb Lateinamerikas. Seine Filme sind bildgewaltig und fulminant, gleichzeitig aber phasenweise auch schockierend, weil er Armut, Gewalt und Rassismus in aller Rohheit zeigt. «Er tut nichts anderes, als die brasilianische Realität abzubilden», sagt Claudia de Assis, «und auch wenn man diese Dinge nicht sehen will, so ist es doch wichtig hinzuschauen, weil sie neben den Postkartenklischees auch zur brasilianischen Realität gehören. Ausserdem sind die Filme meines Bruders ja nicht nur brutal, sondern auch poetisch.»

In der aktuellen Reihe «Cine Brasil marginal», die in Zusammenarbeit mit dem Taoca-Kollektiv aus Zürich durchgeführt wird, ist zwar kein Film von Claudio Assis mit dabei, dafür aber von anderen Filmschaffenden aus Recife, der Hafenstadt im Nordosten des Landes, die als Hauptstadt des brasilianischen Independent-Films gehandelt wird. Und auch diese Filme fühlen sozialkritisch der aktuellen brasilianischen Befindlichkeit auf den Zahn.

Liebe und Gewalt

Den Auftakt macht «Do outro lado do Atlantico» (28.9.) von Marcio Câmara und Dannielle Ellery, welcher die Lebensumstände afrobrasilianischer Menschen beleuchtet. «Tatuagem» (26.10.) von Hilton Lacerda erzählt die Geschichte einer schwulen Liebe, und der Dokumentarfilm «Martírio» (30.11.) thematisiert die Gewalt am indigenen Volk der Guarani Kaiowá. Ausserdem werden am 7.12. drei Kurzfilme gezeigt: «Corpo Manifesto» stellt die weibliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper ins Zentrum, die Satire «Super Oldboy» beleuchtet die Situation pensionierter Senioren und «O Menino Invisível» erzählt die Geschichte eines obdachlosen Jungen.

Im Oktober stehen in Brasilien grosse Wahlen an, allen voran wird ein neuer Präsident gewählt. Gemäss den letzten Umfragen werden Jair Bolsonaro am meisten Chancen eingeräumt, also einem Kongressabgeordneten, der sich wiederholt homophob, frauenfeindlich und rassistisch geäussert hat und der mit der Militärjunta sympathisiert. Die Menschen in Brasilen seien der ständigen Gewalt und Korruption müde und Bolsonaro habe halt versprochen, damit aufzuräumen, wagt Claudia de Assis eine Vermutung, weswegen der Hardliner das Rennen machen könnte. Sie selber möchte sich lieber nicht öffentlich politisch positionieren, sagt sie. Viel lieber wolle sie mit ihren kulturellen Anlässe zur Integration beitragen und mit den Filmvorführungen dafür sorgen, dass Brasiliens Minderheiten und Unterdrückte nicht in Vergessenheit gerieten. Auf die Frage, welchem Präsidentschaftskandidaten sie denn ihre Stimme gebe, antwortet Claudia de Assis: «Mehr als klar ist, wem nicht.»

Politforum Käfigturm Fr, 28. 9., 19 Uhr, bis 7. 12. (Der Bund)

Erstellt: 27.09.2018, 06:52 Uhr

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