Taumeln, tanzen und stampfen

Das Clubfestival des ISC erlebt seine zweite Austragung. Mit hipper Musik zu der es sich abwechselnd träumen oder ausflippen lässt. Ein Einblick ins Sic!-Festival.

Neben dem Erzeugen abstrakter Sprechgesangsmusik bedient das Duo Tommy Lobo gerne Maschinen.

Neben dem Erzeugen abstrakter Sprechgesangsmusik bedient das Duo Tommy Lobo gerne Maschinen. Bild: Catia Lanfranchi

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Es gibt prima Neuigkeiten aus dem Studentenmilieu: Der Internationale Studentenclub – besser bekannt unter dem Kürzel ISC – ist seit einiger Zeit wieder der Place to go im Berner Nachtleben. Im September 2017 übernahm das Gespann Maisch Gosteli und Mirko Schwab das Programmzepter in der altehrwürdigen Stätte mit einem Versprechen.

Man wolle den ISC ein bisschen näher an den Puls der Zeit rücken, wurde ausgerichtet. Und die Vorgabe wurde eingelöst. Seither brummen die Tiefbässe, scherbeln die Gitarrenverstärker und es geistert der Zeitgeist, dass es eine wahre Freude ist. Dem neuen Team ist es gelungen, mit einem hübschen Mass an Unberechenbarkeit und Eklektizismus, die relevante Musik der Jetztzeit – von Punk über Hipster-Pop bis zum Global Beat – in die schmächtige Baulichkeit zu holen.

Um das neue Kunstwollen zu akzentuieren, hat man letztes Jahr ein dreitägiges Festival ins Leben gerufen, das an diesem Wochenende seine zweite Austragung erlebt.

Die Träumer

Das Festival findet seinen Anbeginn mit einem Abend in traumartiger Nachdenklichkeit. Eine relativ junge Fachkraft auf diesem Gebiet ist die Kalifornierin Tanukichan, die auf ihrem 2018 erschienenen Debüt etwas gar stoisch und selbstunverliebt durch ihre verhallten Gitarren- und Synthesizer-Nebelbänke wandelt.

Ein Ausbund an Lebenszuversicht ist auch Emilie Zoé aus dem Jura nicht. Doch ihr ungeschminkter Indie-Folk ist so wunder- und heilsam selig machend, dass man mit ihm gerne auf unbefestigten Pfaden den Abgründen entgegentanzt. Ihr im letzten Jahr erschienenes Album «The Very Start» gehört zum Tiefschürfendsten, was die helvetische Musik in letzter Zeit zustande gebracht hat.

Dass die Neonröhre einst ein beliebtes Accessoire schwarzmalerischer New-Wave-Bands war, macht durchaus Sinn. Es sollte Licht werden, unter bestmöglicher Vermeidung von Wärme. Schweiss oder warme Farbtöne sind auch so gar nicht das Ding des Duos Tempers aus New York. Seine kühl temperierte New-Wave-Gedenkmusik streift trotz ihrer offensichtlichen Hüftsteifheit haarscharf den Herzvorhof.

Die Undezenten

Der Freitag des Sic!-Festivals weht kurzum sämtliche Träumereien aus dem Gemüt. Massgeblich daran beteiligt ist das in Berlin ansässige Duo Tommy Lobo, das sich der abstrakten, mit allerlei Störgeräuschen versetzten Sprechgesangsmusik verschrieben hat.

Störgeräusche mag auch Lyzza aus Amsterdam, bloss dass hier kein Hip-Hop, sondern eine höchst fantasiereiche Form der abstrakten Bassmusik entsteht. Dabei schafft es die in Brasilien geborene Dame im ganzen programmierten Wahnsinn auch immer wieder, mit souligen Betörungen zu überraschen. Das ist dermassen prima, dass es sich anbietet, Lyzza unter verschärfte Beobachtung zu stellen.

Etwas, was sich bei Ebow nicht ganz im selben Ausmass anbietet. Die in Wien wohnhafte deutsche Rapperin mit türkischem Stammbaum sprechsingt über ganz geschmackssichere Beats in einer Gefühlsmengung aus Polit-Agitation, Liebessehnen und Riot-Grrrl-Anwandlungen.

Die Unberechenbaren

Ein Fall für die Zwillinge-Forschung sind die beiden Schwestern Allison und Kate Crutchfield aus den USA. Während zweitere mit ihrer schrummeligen Indie-Rockband Swearin’ um Aufmerksamkeit buhlt, ist erstere mit ihrer Gruppe Waxahatchee zwar durchaus auch der Rumpelmusik zugetan, wird aber ungleich grosszügiger vom Erfolg verwöhnt als ihre Zwillingsschwester. Die wird mit Swearin’ am Sic!-Festival die Fahne des Post-Post-Punk hieven.

Die Tessinerin Camilla Sparkss dahingegen reibt ihre Seele an kunstlos programmierten Drummaschinen und multipel verzerrten Synthesizern auf – und betört in diesem Tun ganz gehörig.

Und dann ist da ja noch die Gruppe Lolasisters, die ihr Treiben unter dem Begriff Pessimist Pop zusammenfasst. Doch mag die Haltung der Band noch so unfrohsinnig sein, so wohnt in dieser wunderbaren Popmusik doch eine ganze Menge Draufgängertum, Mut zum Wildtun und ein Wille zum Ausbruch – ohne indes die allgegenwärtige Schönheit allzu sehr zu ramponieren.

ISC, Donnerstag bis Samstag, 7. - 9. Februar. (Der Bund)

Erstellt: 31.01.2019, 07:06 Uhr

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