So klingt Heimatlosigkeit

Das Veranstalterkollektiv Bee-Flat beginnt die Konzertsaison mit Musik aus entlegenen Flecken der Erde.

Sie wollen lieber nicht über Politik sprechen: Hasan Nakhleh und sein in Bern lebender Bruder Rami.

Sie wollen lieber nicht über Politik sprechen: Hasan Nakhleh und sein in Bern lebender Bruder Rami. Bild: zvg

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Die Aussicht ist prächtig. Von der Kleinstadt Majdal Shams kann man den Blick weit über die Golanhöhen schweifen lassen, die frische Luft, die man dazu atmet, wird weitherum gelobt, und nur wenige Kilometer entfernt kann man mit dem Sessellift ins Skigebiet des Mount Hermon gondeln. Majdal Shams liegt in Südhanglage 1000 Meter über Meer, es gibt die einzigen Boutiquen der Gegend, und die Äpfel und Kirschen, die hier angebaut werden, sollen zu den leckersten der Region gehören.

Eigentlich haben sich die beiden Brüder Hasan und Rami Nakhleh und ihr Freund Amer Mdah einst zusammengefunden, um mit ihrer Gruppe Tootard über die Schönheit ihres Heimatstädtchens zu singen. Die Weite hat sie inspiriert, die borstige Natur, der Wind, der über die Hügel weht.

Wechselt man jedoch in Majdal Shams die Perspektive gen Norden, bleibt der Blick an einem Grenzzaun hängen, der das Städtchen einschnürt und anmutet wie die Schutzeinrichtung eines Hochsicherheitstrakts. Es ist die Kehrseite des Städtchens. Hier nimmt die Schönheit ein jähes Ende. Grosse Schilder weisen auf die Gefahr von Landminen hin. Hier wird man unweigerlich daran erinnert, dass man auf einem politischen Pulverfass lebt. Und das ist der Grund, warum Hasan, Rami und Amer in jedem Interview über Politik reden müssen – und nicht bloss über die Schönheit ihrer Heimat.

Gut gelaunte Bergler

Die Golanhöhen sind seit Jahren ein politischer Zankapfel. Die Bewohner sind sozusagen Staatenlose – Pässe besitzen sie keine, bloss Passierscheine (die sogenannten Laissez-passers). Sowohl Israel wie Syrien erheben Anspruch auf das Gebiet und versuchten es in der Vergangenheit militärstrategisch zu nutzen. Die Araber, die sich niedergelassen hatten, wurden vertrieben, die Drusen, die noch immer dort leben, werden geduldet. Die Musiker von ­Tootard hätten also viel zu berichten. Über Heimatlosigkeit zum Beispiel: Was für viele bloss ein flüchtiges Gefühl ist, ist für die Bewohner der Golanhöhen ein realer Zustand.

Aber eben. Tootard mögen keine politische Band sein. Das Trio startete als Coverband, hörte viel Bob Marley und Tinariwen und begann irgendwann, in den Kaschemmen von Majdal Shams erste Konzerte zu spielen. Als auch eigene Stücke dazukamen, stellte sich irgendwann die Frage nach dem stilistischen Rahmen. Die Sache klang zwar irgendwie nach Wüstenrock, doch man begehrte auch die Geschmeidigkeit des Reggae und des Ska in diese Musik zu importieren, und ausserdem war man dort oben auf den Höhen offenbar ein bisschen besser gelaunt als die rauen Tuareg in den Ebenen. Das Debütalbum von Tootard aus dem Jahre 2011 war eine Mixtur aus all diesen Komponenten. Grosses Aufsehen erregte es nicht.

Nach Bern verschlagen

Umso erstaunter war man, als letztes Jahr die exquisite Plattenfirma Glitterbeat ankündigte, ein neues Tonwerk der Band zu veröffentlichen – das Label hatte Tootard an der erstmals durchgeführten Palestine Music Expo entdeckt. Es war ein guter Fund, und das neue Album ist ein Prunkstück. Das Werk namens «Laissez-passer» beinhaltet ebenfalls gute Laune, doch es ist musikalisch kerniger geartet als der Erstling. Weil es zum Desert Rock nicht ganz taugt, hat die Band die Bezeichnung Mountain Rock etabliert. Es ist eine gut zu betanzende, feierliche, teils auch funkige Form nordafrikanischer oder nahöstlicher Populärmusik.

Die Band geniesst mittlerweile in der Worldmusic-Szene höchstes Ansehen, kreuzt eifrig durch die Welt und macht an den besten Festivals halt. In der Zwischenzeit sind die Musiker in alle Himmelsrichtungen, nach Jerusalem oder Spanien ausgezogen. Den Gitarristen und Sänger Hasan Nakhleh hat die Liebe nach Bern verschlagen, wo er seit einiger Zeit lebt.

So liegt es auf der Hand, dass seine Band die Saison des Veranstalterkollektivs Bee-Flat in der Turnhalle des Progr eröffnet. Einen Tag später werden die in diesem Blatt oft gerühmten holländisch-türkischen Psychedeliker von Altin Gün auftreten, und am Mittwoch wird eine Dame in die Turnhalle einziehen, die ebenfalls aus einer abgelegenen Gegend stammt. Laurence Revey ist im Wallis geboren und hat vor fast 20 Jahren ein bezauberndes Album veröffentlicht, auf welchem sie zusammen mit dem Klangalchemisten Hector Zazou ausgestorbene Walliser Dialekte mit betörender elektro-akustischer Musik verflocht.

Es folgten Jahre des Suchens, des Umherziehens und der flüchtigen Kooperationen – bis Revey vor zwei Jahren mit dem Album «Alpine Blues» ihre Wurzeln neu sortierte und eine Musik präsentierte, die zwischen archaischem Urgewaltsgetrommel und sirenenhaften Gesangsinterventionen wogte.

Alles ziemlich einzigartig, aber alles auch mit etwas gar viel Kunstwollen ausgestattet.

Turnhalle Progr Tootard: Sa, 13. Okt., 21 Uhr. Altin Gün: So, 14. Okt., 15 und 21 Uhr. Laurence Revey: Mi, 17. Okt., 19.30 Uhr.

(Der Bund)

Erstellt: 11.10.2018, 07:08 Uhr

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