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«Spannend ist, wie lebendig sich Gehörlose ausdrücken»

Die Regisseurin Meret Matter hat ein Theaterstück für Hörende sowie Gehörlose entwickelt. Damit lockt sie sogar ihren nicht sehr interessierten Bruder ins Theater.

Meret Matter ist Regisseurin und Mitbegründerin der Berner Theatergruppe Club 111.
Meret Matter ist Regisseurin und Mitbegründerin der Berner Theatergruppe Club 111.
zvg

Sie haben ein Theaterstück für Hörende sowie Gehörlose entwickelt. Darin wird in Gebärdensprache gedolmetscht. Wie viele Gebärden beherrschen Sie inzwischen selbst?

Ein paar ganz einfache Grundlagen, aber verstehen kann ich inzwischen einiges. Doch sobald es in die Tiefe geht, wird es schwierig. Einzelne Gebärden kannte ich bereits wegen meines Bruders, der hörbehindert ist.

Welches schauspielerische Potenzial liegt in der Gebärdensprache?

Ein sehr hohes, weil die Nuancierung, also wie etwas gemeint ist, immer mit ausgedrückt wird. Es ist sehr spannend, zuzuschauen, wie lebendig Gehörlose untereinander kommunizieren.

Bemerken Sie Ironie?

Auf jeden Fall. Man sieht es den Gehörlosen oder Dolmetscherinnen an, weil die innere Haltung zur Aussage dazugehört und sie es sehr deutlich mit ihrer Mimik ausdrücken. Wir haben die verschiedensten Formen von Übersetzung ausprobiert, weil wir inhaltlich sehr genau sein wollten. Das war die grosse Herausforderung, insbesondere, weil es eine Komödie ist. Da ist das Tempo essenziell und darf nicht durch die Verständigung zwischen den Sprachen gebremst werden.

Im Stück geraten zwei Paare, von denen jeweils ein Partner gehörlos ist, in Geldnot. Gab es die Versuchung, den Stoff auf Gehörlose zuzuschneiden – gar zu verein- fachen?

Nein, unser Ehrgeiz war es, den Inhalt gerade nicht zu vereinfachen. Die Gebärdensprachtheater-Gruppe movo, mit der ich das Stück produziert habe, setzt sich für Gleichberechtigung ein. Beide Zuschauergruppen werden adressiert und auf der Bühne vertreten. Das Thema Geld betrifft ja alle Menschen, vor allem diejenigen, denen es Sorgen bereitet hat. Individualverschuldung ist ein grosses Thema, seit es Kreditkarten gibt. Es ist kein spezifisches Gehörlosenthema.

Ist Ihnen die Gleichberechtigung leichtgefallen?

Das Casting war bereits ein längerer Prozess, weil ich nicht wollte, dass man zwischen den hörenden Schauspielenden und den gehörlosen einen grossen Unterschied in der darstellerischen Qualität sieht, denn auch das hätte ich als Diskriminierung empfunden.

Wie hat das Publikum bisher reagiert?

Die Gehörlosen und die Hörenden lachen manchmal an denselben, oft aber auch an ganz anderen Stellen. Das finde ich wahnsinnig lustig und interessant. Viele fanden es toll, dem Stück in all seinen Facetten folgen zu können. Für mich persönlich war es natürlich auch schön, als mein Bruder kam, der Theater oft als langweiliges Blabla empfindet, für einmal aber alles verstanden hat.

Wenn man den Punk auf der Bühne gelebt hat – so wie Sie in den 80er-Jahren mit dem Club 111 – trägt man ihn dann ein Leben lang in sich?

Das glaube ich auf alle Fälle. Man kann dann manchmal nicht im richtigen Moment den Mund halten oder rennt gegen die Wand und macht sich vielleicht auch mal unbeliebt. Ohne den Mut und die Anlage dazu ging man diesen Weg auch damals nicht. Das bleibt, als Haltung. Und wir versuchen, einen Teil der Arbeitsweise – unsere Kollektiv-Überbleibsel, etwa, dass wir alle gleich viel verdienen – mit dem Club 111 aufrechtzuerhalten. Unser Traum war, gemeinsam Unmögliches zu schaffen. Heute nehmen sich viele Künstlerinnen als Einzelkämpferinnen wahr.

Premiere ist am Donnerstag, 28. 9., um 20.30 Uhr im Tojo-Theater. Weitere Vorstellungen bis 1. 10. www.tojo.ch

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