Sie lassen die Puppen tanzen

Ein Schauerfilm, auf die Bühne gebracht: Das Schlachthaus zeigt zur gemeinsamen Saisoneröffnung mit der Dampfzentrale «Blood Kiss», eine Mischung aus Puppenspiel und Tanz.

«Blood Kiss» ist auch eine Suche nach neuen Bewegungsformen für die Puppen. Foto:

«Blood Kiss» ist auch eine Suche nach neuen Bewegungsformen für die Puppen. Foto: Bild: zvg

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Es klingt wie eine Liebesgeschichte, wenn Wies Bloemen von der Zusammenarbeit mit Dirk Vittinghoff erzählt. Alles begann vor zwei Jahren, als die holländische Choreografin nach Bern reiste, um den Regisseur zum ersten Mal zu treffen. Sie hatte eine Einladung bekommen: Eine Theatergruppe, die mit Puppen arbeitet, würde gerne im Rahmen eines Workshops mit ihrer Compagnie, dem Danstheater AYA, zusammenkommen. «Mix up!» hiess der Anlass – ein Kulturaustausch zwischen Berner Künstlern und ausländischen Gruppen, initiiert von Schlachthaus und Dampfzentrale.

Von Vittingshoffs Gruppe KNPV hatte Wies Bloemen vorher noch nie etwas gehört. «Ich dachte mir nur: what?», sagt Bloemen mit gespielter Irritation. Als sie dann verstanden hatte, dass sie mit ihrem Tanztheater nicht zum Auftreten eingeladen war, sondern dass es um eine Zusammenarbeit ging, war ihr Interesse geweckt. Trotzdem fand sie das Treffen am Anfang «sehr komisch», sagt Bloemen. «Dich hat ein Fremder eingeladen, und du weisst nicht, wieso.» Ausserdem seien Schweizer eher zurückhaltend, was die Annäherung nicht gerade einfacher gemacht habe.

Aber dann beobachtete sie Dirk Vittinghoff zum ersten Mal dabei, wie er eine Szene auf die Bühne brachte. «Ich dachte nur: Ich hätte es genau gleich gemacht. So etwas war mir noch nie passiert.» Es war der Moment, in dem sie verstand, warum Vittinghoff sie und ihre Gruppe ausgewählt hatte. «Ich hatte das Gefühl, jemanden gefunden zu haben, der die gleiche Art Theater macht wie ich.» Worte dafür zu finden, fällt Bloemen schwer. «Es geht uns beiden nicht darum, das Publikum zu beeindrucken», sagt sie dann doch, «sondern es zu bewegen, es zum Lachen zu bringen.»

Vampirstory für Erwachsene

Zu der Erkenntnis ist Vittinghoff schon früher gelangt. Er hat ein Stück des Tanztheaters AYA an einem Festival in Österreich gesehen und sich gleich für die Compagnie interessiert. «Ihr freches, modernes Tanztheater hat mich angesprochen», sagt er. Ausserdem wollte er neue Bewegungsformen für die Puppen finden, «das Repertoire erweitern», wie er sagt. Und auch für Wies Bloemen bringt das Puppentheater von KNPV einen künstlerischen Mehrwert in ihre Arbeit ein: «Mit Puppen kannst du alles machen. Man kann sie umbringen auf der Bühne oder auch Übernatürliches erleben lassen.» So komme im Stück zum Beispiel ein Wesen mit zwei Meter langen Armen vor, gespielt von einer Tänzerin.

Gespenstisch ist überhaupt der Stoff, den sich die beiden Gruppen vorgenommen haben. Der Abend «Blood Kiss» basiert auf dem schwedischen Schauerfilm «Let the Right One In» (2008) – eine Teenager-Romanze zwischen einem stillen Buben und einem Vampirmädchen. Man hat sich vor allem an der Geschichte, «am roten Faden» orientiert: «Wenn man einen Film mag, hat er in der Regel eine gute Dramaturgie», so Vittinghoff. Für die Bühne habe man aber eigene Texte geschrieben, weitere Themen hineingebracht oder Figuren erfunden.

«Wir malen am gleichen Bild»

Geblieben ist das Hauptthema des Films: Auch in «Blood Kiss» geht es ums Gefühl, nicht dazuzugehören, und die Frage, was überhaupt als normal gilt. Deshalb spreche das Stück sicher auch Jugendliche an, sagt Bloemen. Und möchte gleich einen Aufruf an die junge «Bund»-Leserschaft platzieren, sich «Blood Kiss» anzuschauen. Es sei aber schon ein Abend für Erwachsene, interveniert Vittinghoff. Zum ersten Mal ist man sich uneins.

Kriselt es da vielleicht in der Bühnenbeziehung? «Wir stecken mitten in einem Prozess», sagt Bloemen einmal während des Gesprächs. «Und wenn wir arbeiten, dann arbeiten wir.» Das heisst, man sei zwischendurch auch mal «nicht mehr so glücklich miteinander». Aber dann kommt der entscheidende Satz. «Wir malen am gleichen Bild», sagt Wies Bloemen. Und Dirk Vittinghoff nickt.

Dampfzentrale, Do, 13.9., 20 Uhr (Premiere). Bis 16.9. (Der Bund)

Erstellt: 13.09.2018, 07:19 Uhr

Die Saison 2018/19 am Berner Schlachthaus-Theater

Auch in der kommenden Spielzeit zeigt das Schlachthaus-Theater Uraufführungen von bekannten Berner Gruppen –
darunter Schauplatz International, die im Stück «Cap Escape Plaisance Club» von einem Künstlerpaar erzählen, das in Standardtänzen so etwas wie Freiheit erlangt (ab 16.10.); oder Peng! Palast, die in ihrem multimedialen Projekt «FAUL!» das Konzept der Lohnarbeit hinterfragen (ab 15.11.). Gross denken auch Ntando Cele und Raphael Urweider, die die afrofuturistische Oper «Black. Space. Race.» auf die Bühne bringen (ab 22.12.).

Zu sehen sind weiterhin Produktionen aus dem slawischen Raum: etwa jene von Sanja Mitrovi?, die anhand von Filmausschnitten auf ihre Jugend im früheren Jugoslawien zurückblickt (ab 20.9.); oder «55 Shades of Gay» – ein neues Stück von Jeton Neziraj über den Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe im Kosovo (ab 23.3.19).

Schliesslich kommt auch das Kindertheater nicht zu kurz, zum Beispiel mit der Zürcher Gruppe Kolypan, die ihr multikulturelles Stück «Vo wo bisch?» im Quartierzentrum Tscharnergut zeigt (ab 2.12.). Ausserdem wird der Familiensonntag weitergeführt – von November bis Februar.

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