Schwindelgefühle

Tirzah aus London degradiert auf ihrem neuen Album die Liebe zur Belanglosigkeit.

Soul für den Nihilisten: Tirzah.

Soul für den Nihilisten: Tirzah. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ach ja, die Liebe. Es gibt kein Thema, das in der Musikhistorie derart durchdekliniert wurde wie dieses wunderliche Ding, das uns das Leben entweder lebenswert oder zur Hölle macht.

Und so drehten sich die meisten musikalischen Vorstösse, die das Amouröse zum Thema hatten, um das verzehrende Hochgefühl, das eine nigelnagelneue Verliebtheit mit sich bringt, um das schiere Verzweifeln an einer gescheiterten Liebelei oder um die Trauerarbeit danach. Jedenfalls geht es gemeinhin hoch zu und her, wenn die Liebe im Spiel ist.

Eher selten kommt es vor, dass die Liebe musikalisch als Hort der Beiläufigkeit heruntergedimmt wird. Genau das tut die Sängerin Tirzah aus London auf ihrem aktuellen Album «Devotion». Wenn die Frau den Satz «All I want is you – I love you» ins Grossmembran-Mikrofon haucht, dann klingt das, als habe man sie zuvor in einem Demotivations-Seminar auf Tranquilizer gesetzt.

Flüchtig dahingetupft

Die Glücksaufwallungen sind rar auf diesem Tonwerk. Es handelt von jenen Phasen, in denen der Beziehungsstatus auf «kompliziert» wechselt, man gemeinsam vor sich hin schlummert und in gedrosseltem Ton miteinander kommuniziert. Alles scheint bloss flüchtig dahingetupft auf diesem Album, der nachlässig intonierte Gesang, die minimale Elektronik, die Worte. Und selbst die Gefühle scheinen nicht wirklich empfunden, sondern bloss unter Hypnose rezitiert. Das alles könnte Anlass zu Klagen und Desinteresse sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Tirzah ist ein Album gelungen, das einen ins Straucheln bringt und wohlige Schwindelgefühle auslöst. Es ist Soul für den Nihilisten, es sind Liebeslieder für Menschen, die aufgehört haben, an die grossen Gefühle zu glauben. Und es ist Musik, die von der Verlorenheit in der Zweisamkeit erzählt.

Das fehlende Körpergefühl

Die karg gesetzten Töne, die verstimmten Pianos, die schnörkel- und kraftlosen Beats stammen aus dem Heimcomputer von Tirzahs Schulfreundin Mica Levi, die unter dem Namen ­Micachu Filmmusik («Jackie») und windschiefe Elektronika produziert. Und Tirzah? Die 30-Jährige arbeitet als Grafikerin und betreibt die Musik bloss im Nebenamt. Ihre Stimme war bereits auf dem 2014er-Album «Adrian Thaws» des Schwarzmalers Tricky zu bestaunen – unnötig zu erwähnen, dass es auch ihm nicht gelungen ist, die scheue Dame aus der emotionalen Reserve zu locken. Und zuvor veröffentlichte sie eine viel beachtete und wundertolle EP mit dem sinnigen Titel «I’m Not Dancing».

Nein, die Gefühle sind nicht Tirzahs Ding, weder das Liebes- noch das Körpergefühl.

Bad Bonn Düdingen Freitag, 12. Oktober, 21.30 Uhr.

(Der Bund)

Erstellt: 11.10.2018, 07:11 Uhr

Artikel zum Thema

Dröhnende Dramen

Berner Woche Ein Altmeister der Elektromusik und eine sinnraubende Sirene besuchen die Dampfzentrale. Mehr...

Pop unter Papp-Palmen

Berner Woche Die Surfrock-Combo La Luz zelebriert einen wunderbaren 60er-Jahre-Futurismus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder «Zum runden Leder»: Kenn ich dehn?

Sweet Home Grünes Paradies im Tessin

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...