Schwarze Engel am Musikhimmel

Die Camerata Bern und Grammy-Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja ergründen in ihrem jüngsten Konzert die verstörende Gleichzeitigkeit von Ungleichem in der Welt.

Ab September ist sie die neue Leiterin der Camerata Bern: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja nach einer Probe vor dem Progr.

Ab September ist sie die neue Leiterin der Camerata Bern: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja nach einer Probe vor dem Progr. Bild: Manu Friederich

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«Black Angels» ist ein Werk des bald 100-jährigen amerikanischen Komponisten George Crumb. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat rund um dieses 1970 entstandene Werk ihr jüngstes Konzertprogramm mit der Camerata Bern konzipiert. Es trägt den sonderbaren Titel «Krieg und Chips» und knüpft inhaltlich an die Performance an, für welche die innovative Musikerin zusammen mit dem Saint Paul Chamber Orchestra soeben einen Grammy erhalten hat. Darauf angesprochen, sagt die Geigerin Überraschendes. Vor wenigen Jahren wäre ein Preis undenkbar gewesen für eine «derart bewusst unvollkommene Aufnahme»; sie verstehe die Auszeichnung als Zeichen für eine neue, veränderte Ästhetik.

Naturbelassene Klänge

Was sie damit meint, ist dies: Die Aufzeichnung des prämierten Konzerts, in dessen Zentrum Franz Schuberts Streichquartett «Der Tod und das Mädchen» in der Version für Kammerorchester erklang, wurde für die CD kaum nachkorrigiert. Durch die musikalische Naturbelassenheit kommen die Vor- und Nachteile der Live-Aufnahme voll zum Tragen. Die ungeschönte Wahrheit ist aber kein Selbstzweck: Sie passt zum Inhalt, in dem es um letzte Dinge geht. Um den Tod und Todesmotive in Werken aus allen Musikepochen. Radikal ist Kopatchinskajas Konzept: Sie hat das Schubert-Quartett zerstückelt und Werke weiterer Komponisten zwischen die Sätze geschoben. Dieses Wagnis kann eigentlich nur einer mutigen Ausnahmemusikerin wie Kopatchinskaja gelingen.

Im ersten Stück des Albums «The Death and the Maiden», in dem Kopatchinskaja im Konzert zum «Toden Tanz» des Dresdener Komponisten August Nörmiger (1560-1613) als Skelett verkleidet tanzte, da habe sie sich mit den Musikern sogar völlig entfernt von klanglicher Perfektion, sagt sie. Die Unvollkommenheit, die Schärfen und Rauheiten zugunsten einer authentischen Interpretation habe sie bewusst in Kauf genommen. Warum sie das tut? Ihre Antwort ist klar: Musik könne und müsse mehr sein als Hintergrund oder Unterhaltung. Sie müsse auch Sinn und Bedeutung haben. Beide würden sich nicht unbedingt aus dem Notentext erschliessen. Als Musikerin sieht sie es als ihre Kernaufgabe, ein Werk in einen Kontext zu bringen und herauszufinden, was es für die heutige Zeit bedeutet.

Parabel auf unsere verstörte Zeit

Den Grammy versteht Kopatchinskaja auch als Wertschätzung ihrer Arbeit mit dem amerikanischen Saint Paul Chamber Orchestra, einem Kammerorchester, das der Camerata Bern in vielem ähnlich sei. Ab September wird sie Berns Vorzeigeensemble als künstlerische Leiterin (und Nachfolgerin von Antje Weithaas) übernehmen. Schon jetzt aber steht sie mit dem hochkarätigen Klangkörper auf der Bühne – als Solistin und Gestalterin eines Programms, das durch Konzept und Brisanz ebenso besticht wie das eben mit einem Grammy prämierte.

Es erklingenWerke von John Cage, Arthur Honegger und Heinrich Franz Biber. Und Mozarts A-Dur-Violinkonzert. Dabei verspricht das Programm doch «Krieg und Chips»! Kopatchinskaja und die Camerata Bern untersuchen darin die Gleichzeitigkeit von Ungleichem in der Welt. Während wir vor dem Fernseher gleichgültig Kartoffelchips knuspern, brechen Krieg und Elend in die Stube. Da setzt George Crumbs «Black Angels» an. Ein Werk, in dem Gut und Böse aufeinanderknallen. Das 1970 entstandene Stück ist eine Parabel auf unsere verstörte Zeit. Es lebt von der ungewöhnlichen Besetzung und experimentellen Spieltechniken ebenso wie von den Assoziationen, die es weckt.

So denkt man bei dem Titel an Rockerbanden oder die Hell’s Angels. Aber auch daran, dass Teile des Stücks Eingang in den Horrorfilm «The Exorzist» gefunden haben. Dass Crumb selber seine Musik als kompositorische Reaktion auf den Vietamkrieg versteht, belegt seine Anmerkung «in tempore belli».

Die Art, wie er seine Kriegskritik in das Notenmaterial überträgt, ist von einzigartiger Komplexität. Die Anspielungen auf Musikgeschichtliches reichen vom Diabolus in musica, dem Tritonus-Intervall (übermässige Quart) bis zu Fegefeuer-Motiven («Dies irae»), Teufelstrillern – und Schuberts «Tod und das Mädchen». Bis in die Eingeweide hat er das Notenmaterial von «Black Angels» strukturiert und mit Zahlensymbolik aufgeladen. Der siebente Satz, der eine Art Wendepunkt darstellt trägt den Werktitel «Black Angels». Er wird der Camerata Bern und ihrer zukünftigen Leiterin viel Arbeit bescheren, denn da stürzen schwarze Engel aus dem Musikhimmel zu Klängen, die schonungslos sind.

Kursaal Bern Freitag, 2. Februar, 19.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 01.02.2018, 06:45 Uhr

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