Schöner untergehen

«Die young / Dafür ist es zu spät»: Barbara Morgenstern zelebriert die Poesie des Pessimismus.

Verquickt pausbäckiges Songwritertum mit kühner Electronica: Barbara Morgenstern.

Verquickt pausbäckiges Songwritertum mit kühner Electronica: Barbara Morgenstern.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

Wer die Musik von Barbara Morgenstern hört, dessen Gesicht wirkt eher wie das eines Menschen, der ein gutes Buch liest. Warum? Wahrscheinlich wegen Zeilen wie: «Ich lief sehr viel / Doch das Ziel / Kam nicht näher / Dann stand ich still / Und es fiel / Auf mich nieder.» Oder: «Dieser Weg wird lang / und beschissen.» Und auch: «Die young / Dafür ist es zu spät.» Letztere stammen aus ihrem aktuellen Album «Unschuld und Verwüstung», welches letzten Herbst erschienen ist.

Das Werk ist das – ja, das wie vielte überhaupt? «Ich weiss es auch nicht mehr so genau», sagt Morgenstern. Ihr Label Staatsakt (Bonaparte, Dagobert, Isolation Berlin) hat zehn gezählt. Jedenfalls sind es ganz unterschiedliche Werke. Am Anfang war da viel Orgel, genauer ein 26 Kilo schweres Ungetüm mit Federhall-, Vibrato- und Beseneffekten. Heute wechselt die Wahlberlinerin gerne zwischen Piano und verschiedenen Keyboards, aktuell bedient sie mit viel Gefühl ein wunderbar trunkenes Harmonium.

Ihre Texte hingegen waren schon immer mehr der Lyrik als dem Schwank zugeneigt. Neben ein paar halb geglückten Ausflügen ins Englische auf ihren Vorgängeralben ist sie der deutschen Sprache treu geblieben, der Sprache, in der man vielleicht nicht so gut über Liebe, Sex und Sensationen singen kann, dafür aber umso besser über die Kanten des Lebens und das allgemeine Unbehagen (welch passender Ort, um zu erwähnen, dass Morgenstern ursprünglich aus der Stadt Hagen stammt).

«Bald schlechter als besser»

Das konstante Gefühl der Bedrohung ist denn auch das Thema, um das Morgenstern in ihre aktuelle Platte webt, und das beginnt im Opener «Michael Stipe» gleich mit der düsteren Vorahnung, «dass es bald schlechter als besser wird». Dabei zitiert sie nicht nur im Songtitel den R.E.M.-Gründermann mit dem Song «It’s the end of the world as we know it». In «Wortschatz» liefert sie auch gleich einen der Gründe für die Angst, dass die Welt, wie sie ist, bald nicht mehr sein könnte. Der Grund sind Menschen, die Wörter wie Volksverräter oder Asyltourismus benutzen oder, wie Morgenstern es formuliert: «Und der Wortschatz / Verlässt den Salon / Wirft sich an den Kopf / Und verliert die Façon.»

Doch nach dem Pessimismus folgt bei Morgenstern doch immer ein Aber. Und sei es auch nur in Form der Musik. Es ist eine erquickende Mischung aus pausbäckigem Songschreibertum, kühner Electronica und verhunztem Musical. Das Dimmen übernimmt dabei derzeit der Berliner Saxofonist Christian Biegai. Wen die Freude über die Musik noch nicht optimistisch genug stimmt, kann sich immer noch auf die stolze Stimme von Morgenstern verlassen, die einem auch in den dunkelsten Momenten auf die Schulter klopft und sagt: Das wird schon.

Dampfzentrale Samstag, 16. Februar, 20 Uhr

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