Romantik des Scheiterns

Und wieder einmal verschönert die Berliner Rumpelband Element of Crime den Herbst. Mit einem neuen Livealbum und einem Konzert in Bern. (am 13. November)

Die Sonne scheint selten in den Liedern der Gruppe Element of Crime.

Die Sonne scheint selten in den Liedern der Gruppe Element of Crime.

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Es scheint, als trete die Berliner Schwerblut-Combo Element of Crime nur im Herbst in Aktion. Und das macht auch durchwegs Sinn. Ja, es gibt sogar die etwas gewagte These, dass der Herbst allein deshalb nicht zu den Wonnejahreszeiten gezählt wird, weil man ihn im deutschsprachigen Raum mit dem Auftauchen dieser Band in Verbindung bringt.

In den Liedern von Element of Crime hängt die Sonne traditionell tief, das Glück welkt und dorrt langsam dahin, es riecht nach warmem Bier und Glühwein, und die Blechbläser klingen wie traurige Heilsarmee-Orchester, die sogar den Weltuntergang mit einer rumpeligen Feierlichkeit auszustatten verstehen.

Ob ihm das Glück suspekt sei, wurde der Bandvorsteher Sven Regener unlängst in diesem Blatt gefragt. Seine Antwort: «Nein. Aber die besten Geschichten beginnen doch dort, wo die Erwartung ans Leben mit der Realität in Konflikt gerät. Wenn alles prima ist und die Sonne scheint, kommt man nicht weit. Das reicht vielleicht für einen Song. Mehr nicht. Das Unglück begünstigt immer die besseren Songs als das Glück.»

Tränen und Whisky

Und so bleibt die Sonne also seit 28 Jahren weitgehend ausgeknipst, seit sich die Band entschieden hat, die Amtssprache von Englisch auf Deutsch zu stellen und von der ordinären Rockband zur Instanz im Ausdeutschen bekneipter Schwermut zu arrivieren. Keiner bejammert das Scheitern in schlüssigeren Reimen und keiner empört sich leidenschaftlicher über Untreue, Verrat und die Unwägbarkeiten des Seins als der 58-jährige Schriftsteller, Sänger, Gitarrist und Trompetenspieler aus Berlin.

Die Lieder von Element of Crime sind Tonspuren einer Welt der bittersüssen Wehleidigkeiten, der zur Lebensmaxime stilisierten Hoffnungslosigkeit, in der jede Träne mit einem doppelten Whisky vergolten wird. Und in ihren wertvollsten Momenten schaffen es Element of Crime, diese ganze Berliner Kneipen-Tristesse mit viel rumpeliger Romantik aufzuladen.

Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin.

Kürzlich – selbstredend zum Herbstbeginn – hat die Band ein Livealbum veröffentlicht, auf dem all diese Versprechen eingelöst werden, aber auch kleinere Problemzonen von Element of Crime offenbar werden. Diese treten immer dann zutage, wenn die Band versucht, ihre Kernkompetenz zu verlassen. «Okay, werden viele sagen, alles schön und gut», spricht Sven Regener einmal zu seinem Publikum im Berliner Tempodrom. «Romantik, Chanson und Easy Listening: warum nicht? Aber wo bleibt die gute alte Rockmusik?»

Darauf stimmt er den Stampfer «Immer da, wo du bist, bin ich nie» an, der dann tatsächlich nach alter, aber leider nicht nach guter alter Rockmusik klingt. Das liegt daran, dass Sven Regener – auch in anderen Songs – immer wieder mit einem ungut an Marius Müller-Westernhagen gemahnenden Gutturalgesang aufwartet. Und wenn – wie im Stück «Karin, Karin» – ins Fach der lüpfigen Ulkigkeit changiert wird, dann welkt die Freude dahin wie vom Herbst gebeuteltes Laub. Doch das sind Petitessen auf dieser über zweistündigen, melancholietrunkenen Live-Einspielung.

Bierhübeli, Mittwoch, 13. November, 20 Uhr.

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