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Rock aus einem unfrohen Land

The Baggios aus Brasilien präsentieren eine lateinamerikanische Variante des Bluesrock.

Grammy-Halbadel im Rössli: The Baggios.
Grammy-Halbadel im Rössli: The Baggios.
zvg

Es gibt Dinge im Journalismus, die sind derzeit unter Strafe gestellt. Nicht dass Gefängnis oder Folter blühen würden, nein, es blüht bloss Verachtung und Kopfschütteln. Zu diesen Dingen gehört, die Wörter Brasilien und Lebensfreude in einem Satz zu verwenden. In Reisemagazinen wird das öfter getan. Ebenso wenn es darum geht, die brasilianische Musik zu beschreiben.

Dabei sind die Brasilianer aus wirtschaftlichen und politischen Überlegungen gerade überhaupt nicht in Laune, einen besonderen Überschwang gegenüber dem schieren Dasein zu entwickeln. Und auch musikalisch ist es mit der Lebensfreude nicht weit her. Die Bossa Nova war etwas vom Traurigsten, was uns je aus Äquatornähe erreicht hat, und auch heute zeichnet sich die brasilianische Musik grösstenteils eher durch Grossstadt-Blues als durch übertriebene Aufgekratztheit aus.

Rede zur Lage der Nation

Womit wir bei den Hauptdarstellern dieses Aufsatzes wären. The Baggios aus dem sonnigen São Cristóvão klingen auch nicht wie eine besonders froh gelaunte Unterhaltungskapelle. Sie haben die Musik ihres Heimatlandes aufgesogen, vornehmlich jene aus den Siebzigerjahren, doch ihr Ding ist der Bluesrock, vermengt mit einer Dosis Blumenkinder-Romantik und gehörig Tropicalia-Experimentierfreude. Zuweilen klingt das, als würde Jack White zusammen mit Gilberto Gil zum Schütteln des Haupthaares bitten. Doch es gibt auch Verweise auf die orientalische Musik, auf die Psychedelik oder modernere Spielarten der Popmusik.

The Baggios hatten keinen leichten Start ins Musikbusiness. Im kulturellen Zentrum São Paulo lächelte man zunächst bloss müde über diese Bluesrocker aus dem Nordosten mit ihrem sonderbaren Akzent. Doch 15 Jahre später ist die Band eine Institution in der brasilianischen Indie-Szene. Sie spielt an den wichtigsten Festivals des Landes, wurde gar für den Latin Grammy nominiert und empfängt auf dem neuesten Album Gäste wie Céu oder Baiana System zum musikalischen Gedankenaustausch.

Was sich auf dem Album indes nicht findet, ist eine Rede zur Lage der gespaltenen Nation. Sänger und Gitarrist Julio Andrade hat das kürzlich in einem Interview nachgeholt: «Wir sind derzeit damit beschäftigt, nicht aggressiv oder extremistisch zu werden. Es scheint, dass wir noch einige Dinge erleben müssen, um den Scheiss zu erkennen, in den wir gerade geraten.» So viel zum Thema Brasilien und Fröhlichkeit.

Reitschule Rössli, Mittwoch, 10. April, 20 Uhr

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