«Reise ich heute als Araberin, verhalten sich die Leute anders»

Yara Bou Nassar thematisiert in ihrer Performance «Everything is just fine» kleine Dinge des Anstosses.

Wie gehen wir mit Belastungen um? Dieser Frage geht Yara Bou Nassar in der Performance nach.

Wie gehen wir mit Belastungen um? Dieser Frage geht Yara Bou Nassar in der Performance nach. Bild: zvg

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Ihre Performance heisst «Everything is just fine» – alles in Ordnung. Auf dem Plakat halten Sie und Ihre Bühnenpartnerin Waffen in den Händen.
Dieses Mantra, dass alles gut ist, spricht in Kombination mit diesem Bild für sich. Waffen sind ja selbst als Spielzeugattrappen sehr aggressive Objekte.

Es gibt also doch wenig Gutes zu befürchten?
Im Stück geht es weniger um Gewalttaten, als um unseren Umgang mit Belastung und um alltägliche Mikroaggressionen.

Was sind Mikroaggressionen?
Kurze Äusserungen und Verhaltensweisen, die auf Vorurteilen beruhen, die uns die Medien vermitteln. Ein Beispiel: Ich bin Libanesin und spüre, dass sich heute Menschen etwas anders zu mir verhalten, wenn ich als Araberin auf Reisen bin.

Wo fanden Sie Parallelen mit Ihrer Bühnenpartnerin, der Berner Künstlerin Annalena Fröhlich?
Wir beobachteten und befragten einerseits viele Menschen an beiden Orten, womit sie innerlich ringen, was sie irritiert oder neurotisch macht. Dabei, aber auch zwischen uns beiden, stellten wir viele Gemeinsamkeiten fest, zum Beispiel unsere Schlüsselneurosen: Jedes Mal, wenn wir das Haus verlassen, müssen wir mehrmals kontrollieren, ob wir wirklich abgeschlossen haben, und dazu gar von weit zurückgehen.

Und wo liegen Unterschiede? In Beirut wird die Beklommenheit eher von aussen ausgelöst, es gibt viel Lärm, Chaos und Verkehr. Hier ist sie dagegen eher verinnerlicht und still. Auch die Gewalt ist allgegenwärtig, bloss in anderer Form. Als wir mit Taxifahrerinnen oder Geldwechslern sprachen, merkten wir, dass Menschen an beiden Orten mit sehr verschiedenen Spannungen manchmal sehr ähnlich umgehen.

Sie nähern sich dem Thema also eher über menschliches Einzelverhalten, als über politische Zusammenhänge? Ja, weil sich letztlich beides wieder zusammenfügt. Indem ich über alltägliche Details spreche, reflektiere ich die grossen politischen Zusammenhänge. Ich will keine Lehrstunde in politischer Moral halten oder mich durch Exotismus als Künstlerin spannender machen, sondern lieber einem ehrlichen Interesse folgen. Ausserdem verweben wir verschiedene Ebenen von Ausgedachtem und Biografischem miteinander. Weil mir diese Mischung einen interessanten Zugang zu einer Welt verspricht, von der wir auch seltener wissen, was an ihr real ist oder was medial aufbereitet und inszeniert wurde.

Zum Beispiel? Gewalt flirrt durch die Nachrichten und die Menschen essen dazu Salat. Und dann versucht zum Beispiel Leonardo Di Caprio in «The Revenant» möglichst authentisch zu leiden und zu rächen, und Hollywood bewirbt die Echtheit einer Ästhetik, die wiederum von realen Aggressoren zur Angstmache imitiert wird.

Sie spielen also auch mit Illusionen? Wir lassen einiges offen. Die Bühnensituation ist ein Experiment, an dem wir beide teilnehmen. Der Musiker Paed Conca komponiert und spielt den spezifischen Klang für den seltsamen Raum, in dem wir uns befinden. Er hat uns in Beirut einander vorgestellt und damit diese erste gemeinsame Arbeit initiiert. Warum dieses Experiment durchgeführt wird, deuten wir höchstens an, die Erzählungen überlappen einander genauso wie die Sprachen Arabisch, Deutsch und Schweizerdeutsch. (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2017, 07:02 Uhr

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Zur Person

Yara Bou Nassar ist Performerin, Filmschauspielerin und professionelle Clowndoktorin. Mit der Schweiz verbindet die Libanesin die Zusammenarbeit mit dem Jazzklarinettisten Paed Conca, der auch den Kontakt zwischen ihr und der Berner Performerin Annalena Fröhlich vermittelte. Als RIM Collective präsentieren sie nun das Theaterprojekt «Everything is just fine», das in Bern und Beirut entstanden ist. Darin nehmen die Darstellerinnen an einem Experiment teil, und zeigen auf, wie sich potenzielle Bedrohungen auf Menschen auswirken. Premiere ist am Do, 7. 9., um 20.30 Uhr im Tojo-Theater der Reitschule. Bis 10. 9.

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