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«Musikstile gehören niemandem»

Das Alors-Festival (ab Fr., 3.4.) bringt neue Musik aus den Städten der Südhalbkugel nach Bern. Mit Daniel Haaksman tritt einer der Vorreiter der Szene auf.

Ein Reisender im Dienste der Musik: Der Berliner DJ und Labelbetreiber Daniel Haaksman.
Ein Reisender im Dienste der Musik: Der Berliner DJ und Labelbetreiber Daniel Haaksman.
zvg

Baile Funk, Kuduro, Raggaton oder elektronische Cumbia: Sie sind als DJ, Labelbetreiber, Journalist oder Produzent meist schnell zur Stelle, wenn irgendwo auf der Welt eine neue Tanzmusik erfunden wird. Was treibt Sie an?

Alles begann mit einer gewissen Unzufriedenheit über das vorherrschende Musikangebot. Anfang der Nullerjahre war der Drum-’n’-Bass am Ende, Rock war vorbei, ich konnte nichts mit Electro­clash anfangen, und die Balkanmusik war mir zu unfunky. Da ergab es sich, dass ein Kollege, der in Rio studierte, mir ein paar CDs aus den Favelas der Stadt zuspielte. Diese energetische, raue und auf rudimentärer Elektronik basierende Musik war eine Offenbarung. Das war so erfrischend, dass ich 2004 beschloss, nach Rio zu reisen und mir ein Bild von der Szene zu machen. Im Internet war diese Musik damals noch nicht zu finden.

Wie hat man Sie dort empfangen?

Die Verwunderung, dass sich ein Gringo aus Deutschland für diese Musik interessierte, war gross. Der Funk Carioca war ausserhalb der Favelas verpönt. In der Aussenwahrnehmung war das die Musik der Banditen und der Drogendealer. In São Paulo wurde sie belächelt, in Bahia hatte man noch nie davon gehört.

Sie haben den Baile Funk, wie Sie es nannten, in der Folge in die Welt getragen. Eine Musik, die technisch hoch spannend, inhaltlich aber enttäuschend sexistisch ist.

Es war anfänglich befreiend, einen fast kindlichen Zugang zu dieser Musik zu haben, weil ich die Texte nicht verstand und die Sprache als Sound wahrnahm. Ich habe bald Portugiesisch gelernt und diesen Fokus auf das Sexuelle natürlich wahrgenommen. Ich fand das einerseits problematisch, andererseits war das nichts, was man nicht schon aus dem Dancehall oder dem Hip-Hop kannte.

Haben Sie später als Produzent und Labelbetreiber versucht, die Künstler von ihrem Fokus auf die primären Geschlechtsteile abzubringen?

Natürlich habe ich eine Entsexualisierung angestrebt, was mir teilweise auch gelungen ist. Ich habe vorgeschlagen, eher in Metaphern zu texten oder sozialkritische Themen aufzugreifen. Doch im Grunde gab es auch im Funk Rios seit jeher solche Strömungen. Es gab an Partys oft zwei Floors: Auf dem einen regierte das Derbe, auf dem anderen tanzten die Pärchen zu Baile Charme, einer romantischen Variante des Stils.

Viele der lokalen Phänomene, denen Sie sich zuwandten, wurden schnell kommerzialisiert; ganz besonders der Reaggaton oder der Kuduro. Und neuerdings singt auch Jennifer Lopez zu brasilianischen Funk-Beats.

Ich finde es spannend, wenn ein Stil eine kritische Masse erreicht und auch international interpretiert wird. Die Stile entwickeln sich so weiter, erhalten bestenfalls eine neue Dynamik. Und für mich als DJ ist es ganz angenehm, wenn ich auch mal einen Track spielen kann, den alle kennen. Im Falle von Kuduro war aber auch zu beobachten, wie ein paar jämmerliche Songs eine ganze Szene ruinieren können. Der Welthit «Danza Kuduro» hatte mit Kuduro rein gar nichts zu tun. In Angola war man damals sehr erbost über diesen Klau, der eine ganze Szene diskreditiert hat.

Womit wir beim Thema der kulturellen Aneignung wären. Betreiben Sie eine Form des Kulturkolonialismus oder gibt es bei Ihnen so etwas wie eine kulturelle Ehrfurcht?

Überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass Musikstile niemandem gehören. Meist sind das ohnehin bereits Hybride verschiedenster Musikrichtungen. Als Produzent steht bei mir das Dialogische im Vordergrund. Ich strebe Kolaborationen mit Leuten aus der Szene an. Mir liegt nichts an kulturellen Plünderungen mit dem Sampler, wie es leider viele tun. Eine, wie im Falle von Dancehall, Kuduro oder Baile Funk, stigmatisierte und verpönte Musik in die Welt zu tragen, führt oft dazu, dass sie auch im lokalen Umfeld eine neue Wertschätzung erfährt. Vielen brasilianischen Künstlern hat die weltweite Aufmerksamkeit geholfen, sei es in der Wahrnehmung bei der heimischen Presse oder bei den Veranstaltern grösserer Festivals.

Wo klingt die Welt derzeit am spannendsten?

Ich finde Lissabon momentan einer der heissesten Spots, weil hier afrikanische, südamerikanische und europäische Kulturen aufeinanderprallen, was automatisch zu neuen musikalischen Ausformungen führt. Gleiches gilt für Paris oder Rotterdam. Ausserdem finde ich die brasilianische Stadt Belém sehr unterschätzt, wo sich karibische Musik mit brasilianischer Folklore und Elektronik vermengt.

Ihr neuestes Projekt fokussiert auf die Diaspora ihrer Heimatstadt Berlin. Drohte Ihnen das ständige Suchen nach dem Exotischen die Sicht auf das heimische Schaffen zu verstellen?

Diese Gefahr bestand, weil ich tatsächlich dauernd unterwegs war. Mittlerweile haben sich viele Musikerinnen und Musiker aus Afrika oder Südamerika in Berlin niedergelassen. Das neue Album thematisiert, wie sie sich mit dieser Stadt und ihrem neuen Umfeld auseinandersetzen.

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