Mensch ist mehr als Mann

Männer haben tiefe, Frauen hohe Stimmen. So lautet der soziale Konsens. Nun kommt eine der schönsten Countertenorstimmen der Welt nach Bern und macht Lust auf das Dazwischen.

Seine Kunst sind Himmelstöne: Der gefeierte Countertenor Andreas Scholl lebt mit zwei Stimmen, einer hohen Sing- und einer tiefen Sprechstimme.

Seine Kunst sind Himmelstöne: Der gefeierte Countertenor Andreas Scholl lebt mit zwei Stimmen, einer hohen Sing- und einer tiefen Sprechstimme. Bild: Eric Larraydieu (zvg)

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Schluss wars mit der dörflichen Beschaulichkeit, als Mitte 80er-Jahre Sean Connery nach Eltville kam. Da, im Rheingauer Zisterzienserkloster drehte Regisseur Jean-Jacques Annaud mit dem Bond-Darsteller die Innenaufnahmen zu «Der Name der Rose» nach Umberto Eco. Auch Einheimische wurden in das Filmdrama eingebunden. Wie jener Bub, der etwas auffiel, weil er schielte. Es ist Andreas Scholl. Ein Gymnasiast mit glockenheller Stimme. Als singender Komparse soll er die Dreharbeiten «unterstützen».

Das heisst, als junger Mönch unsichtbar neben Sean Connery im Chorgestühl stehen und ihm die gregorianischen Choräle ins Ohr singen, die dieser im Film vorzutragen hat. Dreissig Jahre sind seither vergangen. Scholl schielt nicht mehr. Seine Stimme aber ist immer noch so hell wie damals. Und er ist ein sportlicher breitschultriger Hüne geworden. Mit seinen 1, 92 Meter könnte er auch als Footballspieler durchgehen. Doch er schleudert keine Bälle, seine Kunst sind Himmelstöne. Dank denen ging seine Karriere tatsächlich hoch hinaus. Aus dem singenden Statisten ist einer der gefragtesten Countertenöre unserer Zeit geworden.

Andreas Scholl - Ombra mai fu Quelle: Youtube.com

Im Pop ist Falsettieren sexy

Countertenor? Im Programm für seinen Konzertauftritt in Bern wird Scholl als Altus angekündigt. Das sei nicht falsch, löst er die Verwirrung auf. Und stiftet im gleichen Moment neue: Seine Sprechstimme klingt durchs Telefon nicht hoch wie erwartet, sondern sonor. Männlich. Countertenor sei keine geschützte Berufsbezeichnung, sagt der Sänger, der nicht nur für Auftritte als Opern- und Konzertsänger um die Welt jettet, sondern auch als Professor für Meisterkurse. «Ein Mann, der in der Tonlage einer Frau singt, kann sich Altus oder Countertenor nennen.»

Im Barock waren Countertenöre die Superstars. Als Kastraten. Das führt heute noch zu Missverständnissen, manchmal sogar Spott. Scholl, der Vater zweier Töchter, beruhigt. Die hohe Kopfstimme sei die Folge einer speziellen Gesangstechnik. Und auch ein Geschenk der Natur. Anders als im 17. und 18. Jahrhundert gibt es heute keine geheimen Hinterzimmer mehr, in denen Knaben für ihre Engelsstimme einem medizinischen Actus tragicus unterzogen wurden, den einige mit dem Leben bezahlten, wenn ihnen zur Unterbindung der natürlichen Hormonproduktion die Samenleiter durchtrennt wurden.

Wer zum ersten Mal mit dem hohen Gesang eines Countertenors konfrontiert wird, kann irritiert sein oder das sogar komisch finden. Anders im Pop: Wenn die Bee Gees, Justin Timberlake oder Prince falsettieren, gilt das als sexy und männlich. «Erwartungen haben oft mit Gewohnheit zu tun», sagt Scholl. Und plädiert dafür, sich von Gender-Klischees – wie Mann singt tief, Frau hoch, Mann schwingt Schwert, Frau weint – zu lösen. «Die Welt ist komplexer. Viele Eigenschaften werden von Zeit zu Zeit mehr dem einen oder anderen Geschlecht zugeordnet. Wir sollten mehr Mensch sein.»

Seine Stimme macht Lust auf das Dazwischen. Ins Berner Barockzentrum Heiliggeist kommt der Deutsche zum zweiten Mal. Zusammen mit der Sopranistin Rachel Harnisch und einem Barockorchester ad hoc (Leitung Michael Kreis) gestaltet er Pergolesis «Stabat mater». Die eindringliche Passionsmusik beschreibt den Schmerz der Mutter Jesu um ihren gekreuzigten Sohn. Die Herausforderung sei, mit der Musik Emotion und Spiritualität zu vermitteln, sagt Scholl. Und er möchte auch jene Konzertbesucher berühren, die mit der christlichen Botschaft nichts anfangen können. «Diese Musik hat eine universelle Botschaft. Aber ein Sänger muss verstehen, wovon er singt.»

Scholls Stimme steht weltweit im Rampenlicht. Er selber, ein kommunikativer, überaus reflektierter Musiker, der zwanzig Jahre in Basel lebte, hat sich wieder in den Rheingau zurückgezogen. In der Inspiration des Dörflichen schöpft er die Kraft, die ihn und seine hohe Kunst beflügelt.


Heiliggeistkirche Bern So, 9. April, 17 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2017, 07:10 Uhr

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