«Massentaugliche Kunst ist mir ein Gräuel.»

Berner Woche

Der Kaiser ist zurück. Dreissig Jahre nach dem ersten Album gibt es ein Comeback des Berner Dnjepr-Gründers.

«Ich finde in der Musik nichts trauriger als Akteure, die ein Leben lang denselben Sound machen und sich nicht entwickeln, nicht experimentieren.»

«Ich finde in der Musik nichts trauriger als Akteure, die ein Leben lang denselben Sound machen und sich nicht entwickeln, nicht experimentieren.»

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Vor 30 Jahren hat das Dnjepr-Album «Hymn of Nihilon» den helvetischen Indie-Underground verzückt. Nun gibts also ein Comeback. Was haben Sie in all den Dekaden getrieben?
Nach «Hymn of Nihilon» schuf Dnjepr mit verschiedenen Musikern weitere Alben und trat auch regelmässig auf. Ich habe immer wieder Schaffenspausen eingelegt, so konnte ich die Chancen erhöhen, dass jedes Album etwas Neues zu bieten hatte. Ich finde in der Musik nichts trauriger als Akteure, die ein Leben lang denselben Sound machen und sich nicht entwickeln, nicht experimentieren. Die gerade hinter mir liegende Auszeit ist allerdings beträchtlich – ich hatte einen schweren Schicksalsschlag zu verdauen, der lange in mir gor, bis er endlich seinen Weg in meine Musik gefunden hat.

Eine Dnjepr-Losung war es, dem «öden Berner Konsens-Rock» und der «Meitschi-Musik von Züri West», wie Sie es damals nannten, etwas Subversives entgegenzustemmen. Welcher Furor treibt Sie heute an?
An diesem Furor hat sich eigentlich nichts geändert, nur die Protagonisten sind heute andere. Massentaugliches in der Kunst ist mir immer noch ein Gräuel, weil es sich auf den gemeinsamen Nenner der Menge reduziert, nur auf bewährte Rezepte setzt und nichts Originelles zulässt. Auf der anderen Seite besuche ich gerne kleine Beizenkonzerte und bin immer wieder überrascht, wie viel Schönes und Kreatives da zu hören ist.

In den Anfängen von Dnjepr verfertigten Sie eine Art Post Punk für Berns Avantgarde, veredelt mit gehörig New-Wave-Leder-Schick. Wie klingt Dnjepr und wer ist Dnjepr heute?
Dnjepr im Jahr 2017 bin nur ich: One band reduced to its core – to the last man standing. Mit Musikkategorien tu ich mich schwer. Ich denke, die treffendste Beschreibung hat mir Voodoo Rhythm verpasst: Dark Shit.

Damals waren Sie en vogue und progressiv. Keine Angst, dass das eine «Weisch no»-Veranstaltung wird?
Ich denke nicht, dass meine aktuellen Lieder ein Gefühl von «Weisch no» zulassen – dazu unterscheiden sie sich zu stark von der damaligen Musik. Aber auch wenn solche Anwandlungen aufkommen sollten – wieso sollte ich Angst davor haben?

Nun, Menschen um die 50 verfallen gerne in eine unschöne Nostalgie-Gefühligkeit. Sind Sie da gefährdet?
Nein. Mich regt tierisch auf, wenn Exponenten meiner Generation der heutigen Jugend vorwerfen, sie sei unpolitisch und konsumiere nur noch. Genau denselben Brei haben wir ja auch immer zu hören gekriegt. Es gab in den Achtzigern Mainstream-Kacke und coole Kids, die sich ihr entgegenstemmten. Heute ist das nicht anders. Nur wir alten Säcke verbringen eben nicht mehr den halben Tag damit, uns unterschiedlichste Bands anzuhören; wir stellen das Radio an oder verirren uns mal auf einem Youtube-Kanal und meinen dann, das sei die Musik, die alle Jugendlichen heutzutage begeistere.

In einem «Bund»-Artikel von 1987 erklärten Sie, dass Dnjepr gar nicht auftreten wollten, und wenn, dann nur betrunken und mit Vollplayback. Zitat: «Wir wollen Show und keine Instrumentenwichserei für das ohnehin unwichtige Publikum.» Wie sieht das heute aus?
Das Vollplayback wird mich wohl ein Leben lang verfolgen. So haben wir vielleicht fünf oder sechs Konzerte gespielt, danach war alles live. Aber wir wollten diese Provokation damals, also muss ich damit leben. Heute will ich Instrumentenwichserei für das ohnehin unwichtige Publikum.

Der Bund

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