«Man muss sich für die Welt interessieren»

Die Musikplattform Norient beleuchtet die Ränder der Musikwelt. Ein Gespräch mit dem Leiter Thomas Burkhalter über das 9. Norient-Musikfilm-Festival.

Japanische Popstars pflegen den Kontakt zu ihren Fans: Wie in Asien Star-Kult betrieben wird, zeigt der Film «Tokyo Idols», der am Norient-Musikfilm-Festival zu sehen ist.

Japanische Popstars pflegen den Kontakt zu ihren Fans: Wie in Asien Star-Kult betrieben wird, zeigt der Film «Tokyo Idols», der am Norient-Musikfilm-Festival zu sehen ist. Bild: zvg

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Sie haben es sich zum Lebensinhalt gemacht, Musik aus den entlegensten Winkeln der Welt aufzuspüren. Was treibt Sie an?
Ich glaube nicht an den Mainstream, dem wir überall begegnen. Und ich glaube nicht an den euro-amerikanischen Kanon, in dem Musik abgebildet wird. In den Nischen auf der ganzen Welt geschieht heute sehr viel Aufregendes, und ich möchte dieser Musik eine Plattform bieten.

Geschieht das aus akademischem Eifer oder aus der puren Liebe zur Musik?
Es ist beides. Unsere Musikplattform Norient ist zu einem Netzwerk von ganz vielen Leuten angewachsen, von Journalisten, Kulturschaffenden und Akademikern, die versuchen, musikalische Phänomene in aller Tiefe, aber nicht verbohrt, zu behandeln.

Wie kann man sich ein Tagwerk von Ihnen vorstellen?
Norient ist ja nicht bloss ein Blog und ein Musikfilm-Festival. Ich habe kürzlich die Theaterperformance «Clash of Gods» gemacht, wir haben ein Buch veröffentlicht, ich leite ein Forschungsprojekt im Auftrag des Schweizerischen Nationalfonds, und ich bin in diesen Tagen dran, meinen Film «Contradict» in Co-Regie mit Peter Guyer fertigzustellen. Es ist also ein vielfältiges Tagwerk.

Letztes Jahr wurde Ihr Festival kurzfristig abgesagt. Was waren die Gründe?
Ich wollte mir Zeit nehmen, unsere Arbeit zu hinterfragen. Wie muss heute eine Plattform aussehen, die via Musik und Sound die Welt reflektiert? Ist unsere Webseite noch zeitgemäss? Wie erreichen wir mehr Tiefe und Qualität? Wie bringen wir Ernsthaftigkeit, Verspieltheit und Experiment nebeneinander? Dank eines Stipendiums des Kantons Bern hatte ich Gelegenheit, Antworten auf diese Fragen zu finden, und bin jetzt daran, diese umzusetzen. Im Frühjahr planen wir die Eröffnung des Norient Space, eine virtuelle Gallerie und Rechercheplattform.

Auch viele Musiker stellen sich die Frage, wie sie ihr Publikum noch erreichen können. Das Album hat ausgedient, der Live-Markt ist übersättigt. Ein weltweiter Trend?
Ja. Hier in Europa ähnelt heute praktisch jedes moderne Theaterstück einem Konzert. In Ghana produzieren die Musiker Sounds, Clips und Loops für ihre Whats­app-Gruppe oder für Instagram. Ich finde das einerseits spannend, erkenne aber auch das Dilemma des Musikers, der doch eigentlich bloss Musik machen möchte.

Hat die Musik überhaupt noch eine politische oder soziale Relevanz im Alltag der Menschen? Oder taugt sie nur noch zur Spotify-kuratierten Untermalung des momentanen Befindens?
Beides ist der Fall. Doch es wird immer politische Musik geben. Der Film, an dem ich derzeit arbeite, dreht sich um sechs Musiker, die sich in Ghana politisch einmischen, indem sie der Korruption oder den evangelikalen Kirchen widersprechen. Wir begleiten sie seit 2013 und haben erlebt, wie anstrengend ihr Engagement ist und wie es sich totzulaufen droht. Die FOKN Bois werden heute zu wichtigen TV-Shows eingeladen, und manchmal fühlen sie sich wie Marionetten vom Mainstream, der die alternative Szene benutzt, um zu beweisen, dass das Land offen und Widerstand möglich ist. Und so ist zu beobachten, wie kritische Musiker bewusst in die Rolle der Pausenclowns oder der schrägen Vögel bugsiert werden.

Früher wollten Musiker die Welt verändern. Heute beklagt sich ein Eminem, dass ihm seine Positionierung gegen Trump zwei Drittel seines Publikums gekostet habe. Hat es der Musiker in dieser politisch fragmentierten und aufgeheizten Welt immer schwerer?
Wenn du dich politisch äusserst und exponierst, wird jede Wortmeldung mitgeschnitten und in den sozialen Medien und in Blogs nach Glaubwürdigkeit abgeklopft. Die bisherige Art des Protestes ist auch unter den Künstlern etwas in Verruf gekommen, da er immer mal wieder als Marketing-Tool entlarvt wurde. Die Protestkunst wurde zum Genre oder gar zur Marke. In der Folge hielt die Ironie in die Popwelt Einzug, was aber auch bald zum Selbstzweck verkam. In den sozialen Medien musst du brutal pointiert argumentieren und deine Botschaft gut verpacken, wenn du mit Inhalten über deine Bubble hinaus eine breitere Öffentlichkeit erreichen willst.

Die Abbildung von Musik in den westlichen Mainstream-Medien ist weiterhin sehr USA- und England-orientiert. Früher konnte man das mit der Marktmacht der grossen Labels erklären. Heute liegt der Verdacht nahe, dass es schlicht an der Neugier fehlt.
Es gibt weiterhin neugierige und gute Schreiber. Es fehlt aber am Mut, am Interesse und am Commitment in den Teppichetagen der Medienunternehmen. Hier wird schnell und flüchtig bestimmt, was die Kunden lesen oder hören wollen. Dies versuchen wir mit Norient zu attackieren.

Könnte es auch sein, dass z.B. der kirgisische Trap ausserhalb des lokalen Kontextes kaum der Rede wert ist? Zumal er sich kaum von jenem aus Bümpliz oder Brooklyn unterscheidet.
Oberflächlich betrachtet ja. Wenn man aber genau hinhört, dann wird man womöglich feststellen, dass die Kirgisen vielleicht doch andere Samples oder Sounds verwenden. Da entstehen vielleicht andere Geschichten, die etwas über Kirgistan erzählen.

Ist der lokale Einfluss auf den Musiker nicht längst einem globalen gewichen?
Bei einem Grossteil der Künstler ist das sicher so. Doch meiner Meinung nach entsteht die spannendste Musik dort, wo jemand seine eigene Perspektive auf die Welt aufzuzeigen vermag, wo sich das Globale mit den Erfahrungen aus der eigenen Nachbarschaft vermischt. Ein Schweizer Musiker muss nicht nach Schweizer Folklore klingen, ein afrikanischer nicht nach Afrika. Aber Musik, die persönlich gefärbt ist, hat stets mit der Biografie und der Umgebung eines Künstlers zu tun.

Einst wurde von den Plattenfirmen der Begriff «Weltmusik» kreiert, der jene Musik kommerziell verwertbar machen sollte, die nicht ins gemeine angloamerikanische Pop-Rock-Schema passte. Was doch zu exotisch war, wurde von irgendwelchen Produzenten für den westlichen Markt zurechtgebogen. Erkennen Sie diese Muster immer noch?
Diese Nische hat an Relevanz verloren. Es wird immer Leute geben, die eine Faszination für das Anderen haben und gleichzeitig versuchen, das Andere so aufzubereiten, dass es für sie stimmt. Ich bin – vor allem in Afrika – sehr vielen Leuten begegnet, die sich über diese Herangehensweise nerven. Auch darüber, dass Afrika immer noch als exotische Kulturregion dargestellt wird. Es gibt aber auch Musiker, die sich anpassen und diese Bedürfnisse bedienen. Weil sie überleben müssen. Alle sind heute am Jonglieren. Man unterscheidet zwischen wichtigen und unwichtigen Projekten, wobei die unwichtigen, bei denen man künstlerische Kompromisse eingeht, meist viel mehr Geld einbringen. Das Bild des Künstlers, der konsequent und kompromisslos seine Linie verfolgt, ist in der Situation, in der sich die Branche heute befindet, kaum mehr aufrechtzuerhalten.

Wie wehren Sie sich gegen den Exotismus-Vorwurf? Sind nicht auch Sie süchtig nach dem Unerhörten? Ein Sammler des Exotischen?
Ich habe Verständnis dafür, dass die Suche nach dem Anderen aus historischer Perspektive als westlich-kolonial bewertet werden kann. Und doch finde ich den Vorwurf falsch. Man muss als Mensch neugierig bleiben, man muss sich für die Welt interessieren, und genau das tun wir. Wahrscheinlich treibt es mich immer wieder aus Bern und der Schweiz heraus, weil ich den Puls der Zeit fühlen will. Es gibt ganz viele Künstler, Denker und Phänomene da draussen, die es wert sind, eine breitere Öffentlichkeit zu finden. Nennen wir es einen Kampf gegen die Algorithmen dieser Welt.

Was haben Sie für das 9. Norient-Filmfestival zusammengetragen?
Thematisch reicht das Spektrum von chinesischem Futurismus bis zu Themen wie Migration oder Krieg. Oder wir stossen im Film über die Gruppe Laibach, die nach Nordkorea auf Tournee gegangen ist, bis ins Gebiet der kulturellen Diplomatie vor. Einer meiner liebsten Filme ist «Being Blacker», über einen Reggaemusiker in Brixton, der einen tiefen Einblick bietet, was es bedeutet, als Jamaikaner in England zu leben.

Was kann ein guter Musikfilm leisten? Kann er die Welt erklären?
Er lässt dich andere Wirklichkeiten erfahren, er lässt dich eintauchen, er berührt dich, inspiriert dich, oder er regt dich zum Nachdenken an. Bestenfalls dient die Musik als Seismograf, um gesellschaftliche Phänomene aufzudecken.

(Der Bund)

Erstellt: 10.01.2019, 06:36 Uhr

Thomas Burkhalter
Thomas Burkhalter ist Musikethnologe, Musikjournalist und Kulturschaffender aus Bern. Er ist Gründer und Leiter der Plattform Norient (norient.com) und baut sie derzeit zur virtuellen Galerie und Community-Plattform Norient Space – The Now in Sound aus.

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