Magisches Perpetuum mobile

Der Berner Musiker Maximilian Grossenbacher sprudelt über vor Ideen. Gerade ist ein Werk fertig geworden, in dem er Feuer, Luft und Erde in Klänge bannt.

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In seinem Atelier an der Polygonstrasse 1 im Berner Lorrainequartier wurden früher Neonröhren produziert. Licht und hell aber ist es hier erst richtig geworden, nachdem Maximilian Grossenbacher die ehemalige Werkstatt entrümpelt und mithilfe seiner sechsköpfigen Musikerfamilie zum Konzertraum umgestaltet hat. Der Mief ist der Gemütlichkeit gewichen. Und der Kreativität: Man scheint in jeder Ecke des einstigen Werkraumes einen bewegten Fetzen Musik zu vernehmen und ahnt hinter jedem Stuhl eine Geschichte; auch wenn es beim genauen Hinschauen dann bloss die Katze ist, die sich hier einquartiert hat.

Der Pleyel-Flügel, erzählt Grossenbacher, stehe auf einem Podest aus selbst gezimmerten Fliesen aus alten SBB-Holzpaletten. Und das Instrument, ein kubistischer Kasten, sei ein klingendes Unikat. Es wurde im Auftrag einer Baronesse angefertigt und 1939 an der Landesausstellung gezeigt. Danach aber sei es in einer italienischen Bar verschwunden, wo die Grossenbacher-Familie die Trouvaille aufstöberte, kaufte und an die Polygonstrasse transportierte. Nun fliegen da die Töne statt Staub, und wer nicht achtgibt, tappt am Boden über Streichinstrumente und Notenpapier.

Grossenbacher möchte hier schon bald einen neuen Konzertort aus der Taufe heben und Matineen und musikalische Vermittlungsprogramme veranstalten. Es ist nicht die einzige Idee, für die der mehrfach preisgekrönte Kontrabassist und Cellist, der ebenso im Jazz wie in der Klassik zu Hause ist, brennt. Seit er sein Studium an der HKB mit einem Master in Komposition & Theorie abgeschlossen hat, findet er auch am Klangerfinden, Arrangieren und Tonschöpfen Gefallen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Das Metier wurde ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Sein Vater, der Musiker und Begründer des Berner Unichors Bernhard Grossenbacher, ist selber Komponist.

Ihm verdankt Maximilian die Faszination für Mikrotöne und Spektralklänge. «Sie sind für mich selbstverständlich wie Quinten und Dreiklänge.» Und so leichtfüssig und spielerisch weiss er mit den oszillierenden Klanggebilden umzugehen.

«Airreel» hat er seine jüngste Komposition getauft. Es ist eine Arbeit, die ihm von Gwendolyn Masin in Auftrag gegeben wurde, der künstlerischen Leiterin des Kammermusikfestivals Gaia, das vom 3. bis 7. Mai an diversen Konzertorten in Oberhofen stattfindet (siehe Box). Er habe sich das fürstliche Ambiente des Aufführungsortes vorgestellt, sagt Grossenbacher, sein Stück wird im Schloss uraufgeführt. Auch das Motto Magie hat ihn inspiriert: Der ruhige luftige Teil des mystischen Quartetts sprüht vor knisternden Flageoletts, der rasante Schluss erinnert an den «Reel», einen schnellen Volkstanz aus Schottland.

Zum Schluss komponiert Grossenbacher sein Perpetuum mobile in die unendliche Stille. Wer am eigenen Leib erfahren will, wie es sich anfühlt, wenn man im Sitzen zu schweben beginnt, ohne den Erdboden – die Gaia – zu verlassen, der ist bei «Airreel» bestens aufgehoben. «Es soll sich anfühlen wie ein Gehen zwischen Himmel und Erde, wo man sich plötzlich daheim fühlt. Aber ankommen wird man nie.»

Das Stück hat viel mit ihm selber zu tun. Der Berner, dessen Atelier in der Lorraine steht, ist nicht nur hier, sondern gleichzeitig an vielen andern Orten zu Hause. Er lebt im Jazz und in der Klassik, balanciert zwischen Himmel und Erde. Als Komponist, der immer wieder aufbricht, ohne je irgendwo anzukommen. Ein gutes Zeichen: Es beweist, dass der Quell dieses erfinderischen Geistes immer noch weitersprudelt.

Schloss Oberhofen So, 7. Mai, 11 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2017, 06:56 Uhr

Gaia-Festival

Eröffnet wird das Kammermusikfestival Gaia (künstl. Leitung Gwendolyn Masin) am Mi, 3. Mai, ab 18.30 Uhr in Oberhofen mit der Opening Night: Für einen Fünfliber können die Konzertbesucher von einem Konzertort zum andern flanieren und musikalische Häppchen geniessen. Do, 4. Mai, 20 Uhr in der Kirche Hilterfingen: Starmusiker wie Alexander Lonquich (Klavier) gestalten eine «Nacht der Märchen». Fr, 5. Mai, 20 Uhr: Masin, Miklos Lukacs (Cimbalom) und Studierende mit «Origin». Sa, 6. Mai, 20 Uhr: Pascal Rogé (Pianist) und Ariel-Quartett im Klösterli. So, 7. Mai, 11 Uhr im Schloss Oberhofen: Uraufführungen junger Komponisten. www.gaia-festival.com

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