Lichtblicke aus der Eiszeit

Die frühen Filme von Milos Forman und Jiri Menzel gehören zu den schönsten Blüten des Prager Frühlings – und bezaubern noch immer mit ihrem melancholischen Humor.

In «Der Feuerwehrball» endet ein Fest in einem Fiasko: Die Feuerwehrmänner lassen sich volllaufen, es gibt Feueralarm, und die Misswahl läuft aus dem Ruder.

In «Der Feuerwehrball» endet ein Fest in einem Fiasko: Die Feuerwehrmänner lassen sich volllaufen, es gibt Feueralarm, und die Misswahl läuft aus dem Ruder. Bild: zvg

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Es gebe einen grossen Frauenüberschuss, klagt der Leiter einer Schuhfabrik in der Provinz, auch im günstigsten Fall könne nur jede 16. Frau damit rechnen, einen Mann zu finden. Seine Frage, ob es möglich sei, Militär hierhin zu verlegen, wird vom lokalen Parteifunktionär deshalb mit Ja beantwortet. Grosses Trara mit Blasmusik, als der erste Zug mit Soldaten eintrifft, doch dann werden die Gesichter der wartenden Frauen lang und länger – es sind hauptsächlich ältere Reservisten, die aus dem Zug steigen.

Heute kann man noch unbeschwerter über diese Art planwirtschaftlicher Irrwege lachen als 1964, als Milos Forman die eben beschriebenen Szenen für den Film «Die Liebe einer Blondine» inszenierte. Europa war damals noch ein geteilter Kontinent, und alles, was östlich des Eisernen Vorhangs an kreativen Produkten entstand, musste bestehen vor den Augen von Zensoren, die sich noch immer dem sogenannten sozialistischen Realismus verpflichtet fühlten. Und die «repressive Toleranz», die der linke Gesellschaftsphilosoph Herbert Marcus den kapitalistischen Gesellschaften unterstellte, war im real existierenden Sozialismus um ein Vielfaches strenger als in hiesigen Gefilden. Immerhin: In der Tauwetterstimmung, die nach dem Tod des Schreckensherrschers Stalin 1953 sowohl in der Sowjetunion als auch in deren Satellitenstaaten einsetzte, wuchs eine neue Generation von Cinéasten heran, die mehr und minder offen rebellierten gegen kulturelle wie politische Dogmen.

Eine besonders breite kinematografische Erneuerungsbewegung formierte sich in den frühen 1960er-Jahren im Umfeld der Prager Filmhochschule Famu. Zu ihren prominentesten Vertretern gehörten neben Vera Chytilova, Jaromil Jires, Jan Nemec und Evald Schorm der 1932 geborene Milos Forman und der sechs Jahre jüngere Jiri Menzel, denen das Kino Rex in den kommenden Wochen die Reihe «Scharf beobachtete Menschen» widmet. Der Titel der Retro bezieht sich auf jene im Zweiten Weltkrieg spielende Tragikomödie um einen verträumten Bahnamtsanwärter, welche die wohl berühmteste Stempelszene der ganzen Kinogeschichte enthält und 1968 mit einem Oscar preisgekrönt wurde: «Scharf beobachtete Züge».

Liebe und Lügen

«Die Liebe einer Blondine» spielt in der Gegenwart und handelt von den ersten Beziehungserfahrungen der Arbeiterin Andula. Zärtliche Grossaufnahmen von Händen eröffnen die Inszenierung Milos Formans; Andula liegt neben einer Freundin und schwärmt von ihrem Freund und dem Ring, den dieser ihr geschenkt hat. Eine doppelte Schönfärberei: Ring wie Brillant sind billiger Ramsch, und der angeblich so leidenschaftliche Freund kreuzt in der nächsten Szene gar nicht auf bei jenem Date, bei dem sich Andula mit einem Geschenk bedanken will. Sodass sie die dem Freund zugedachte Krawatte einem Baum umhängt. Es fällt in diesem Film kein böses Wort über sozialistische Planwirtschaft, die kurzen Impressionen aus der Schuhfabrik und dem Wohnheim sind aber auch ohne belehrenden Kommentar deutlich genug.

Nochmals Grossaufnahmen von Händen, diesmal aber von Männern, die einen schwarzen Koffer mit einer kleinen Axt weitergeben: So beginnt Formans «Feuerwehrball» (1967): Ein Veteran soll offiziell geehrt werden, vom Orchester bis zum reichhaltigen Gabentisch ist alles da, was zu einer würdigen Feier gehört. Schon beim Einrichten der Bühnendekoration aber geht ein Transparent in Flammen auf, sodass von Anfang an klar ist, dass der Abend nicht ganz so wie geplant verlaufen wird.

Schrottplatz-Sozialismus

Am Ende bleibt vom real existierenden Sozialismus bloss ein gigantischer Schrottplatz übrig. Zwischen Abfallbergen und Plakaten mit Allerweltsphrasen («Wir fürchten keine Arbeit, wir bewältigen neue Ziele») tummeln sich in Jiri Menzels «Lerchen am Faden» (1969) als «bürgerliche Querulanten» verurteilte Frauen und Männer, die Altmetall sortieren sollen und null Chancen haben, Ordnung in das Chaos zu bringen, das sie umgibt.

Das tönt nach kontinuierlicher Geschichtsschreibung, doch zwischen dem «Feuerwehrball» und den «Lerchen» gibt es eine brutale Zäsur: Im August 1968 beenden russische Panzer den Prager Frühling; in der mit dieser Okkupation einsetzenden Eiszeit wird dem im Ausland weilenden Milos Forman die Rückkehr in die Heimat verwehrt, und Jiri Menzel sieht seine «Lerchen» unmittelbar nach deren Fertigstellung in einem Giftschrank verschwinden und bekommt darüber hinaus ein mehrjähriges Arbeitsverbot.

Forman emigriert in die USA und kann dort mit «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» und «Amadeus» riesige Erfolge feiern. Menzel hält sich mit Theaterarbeiten über Wasser; nach dem Gefälligkeitsstreifen «Wer den goldenen Boden sucht» darf er wieder Filme drehen – und macht genau dort weiter, wo er aufgehört hat: Eine vierköpfige Familie besucht in «Das einsame Haus am Waldesrand» (1976) einen Bekannten, der seine Sommerferien in einer Mühle mit vielen Ingredienzien eines potemkinschen Betriebs verbringt: Der Storch auf dem Dach ist eine Attrappe, das Mühlerad läuft nur zu Show-Zwecken, und die Mehlsäcke sind mit Sägemehl gefüllt.

In «Kurzgeschnitten» (1981) geht es vordergründig um ökonomische und amouröse Querelen rund um eine provinzielle Bierbrauerei in den 1920er-Jahren, doch auch hier spricht Menzel eigentlich von der Gegenwart. So ist unter anderem ein Schwein zu sehen, das den Namen von jenem Funktionär trägt, der Menzel einst aus dem Barrandov-Filmstudio verbannt hat.

Misstrauen gegen grosse Ideen, tragikomische Gestalten statt tollkühne Helden der Arbeit, präzise Blicke auf alltägliche Situationen und Konflikte: Menzel wie Forman haben in finsteren Zeiten filmische Lichtblicke geschaffen, die mit ihrem unverwechselbaren melancholischen Humor auch heute noch zu erhellen vermögen.

Kino Rex Ab Mi, 12.12., 18.15 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2018, 08:10 Uhr

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