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Letzter Halt vor dem Alltag

Wie klingt Erwachsenen-Hip-Hop? Die Berner Rap-Vereinigung Chlyklass vollführt es auf ihrem neuen Album «Deitinge Nord». (am 11. Januar)

Chlyklass 2020 leben vornehmlich von der grossen Klasse ihrer Leithammel Baze, Serej und Greis.
Chlyklass 2020 leben vornehmlich von der grossen Klasse ihrer Leithammel Baze, Serej und Greis.
P. Pfistner

Es gibt unter Berns Musikschaffenden eine Gewissheit: Wann immer man von einem Konzert östlich von Bern zurückkehrt und mit dem Bandbus kurz vor dem Morgengrauen an der A1-Raststätte Deitingen-Nord haltmacht, trifft man mit grösster Wahrscheinlichkeit auf mindestens ein Exponat des Berner Hip-Hop-Kollektivs Chlyklass.

Meist sind auch sie auf der Heimkehr, leicht aufgekratzt von den Geschehnissen der Nacht, oft sind sie leicht angetrunken, und sie haben immer etwas zu erzählen. Sei es über die Trostlosigkeit aargauischer Jugendkulturstätten, die Trinkfestigkeit der Churer Hip-Hop-Juvenilität oder geborstene Tieftöner in Zürcher Szeneclubs.

Wenn die Band ihr neues Album also «Deitinge Nord» tauft, dann ist damit diese letzte Oase vor Bern gemeint, der letzte Halt, bevor es zurück in den Alltag geht. Deitingen ist da, wo der Wochenend-Hip-Hopper noch schnell ins Büschchen pieselt und den letzten Bierrülpser in die Nacht entlässt.

Soll man sich noch in die alten Hip-Hop-Posen werfen oder nicht. Im neuen Chlyklass-Video werden beide Varianten durchgespielt. Quelle: Youtube.com

Leichte Nostalgie-Schwermut

Chlyklass, das sind so etwas wie die grosse Koalition des Berner Rap, das kollektive Bewusstsein der ersten Hip-Hop-Generation der Stadt. Greis und Serej sind dabei, die sich in ihren Soloprojekten heute vermehrt als Troubadoure hervortun. Oder Baze, der mittlerweile eine eigene Kunstmusik für seine Poesie erfunden hat. Und da ist das ganze Restpersonal der längst verblichenen Bands PVP und Wurzel 5. Zwei Alben haben Chlyklass zustande gebracht, seit sie Ende der Neunzigerjahre erstmals in Aktion getreten sind.

Das dritte Werk ist nun unter neuen Vorzeichen entstanden. Chlyklass sind nicht mehr die unangefochtenen Platzhirsche der Szene, sie sind die alternden Böcke, die ihr Hip-Hop-Geweih nur noch sporadisch aufsetzen.

Und so ist das Werk denn auch von einer linden Nostalgieschwermut umweht, die immer wieder in trotziges Aufbegehren mündet: «Ig mache lieber geng dr glych Scheiss aus irgendwas so wie dy Scheiss», heisst es etwas unelegant im Stück «Nümm normau». Und dem Vorwurf, den Zeitgeist verpasst zu haben, kommen sie zuvor, indem sie sich an den Moden der Zeit entschieden desinteressiert zeigen: «Ire Zyt, wo jede Tag dr Wind dräit / Loufe mir graad / Egau, wohär dr Wind wäit.»

Wo bleibt die Haltung?

Tatsächlich dreht sich auf «Deitinge Nord» so vieles um den eigenen Mikrokosmos. Es wird gegen die junge Konkurrenz ausgeteilt, oder es wird genüsslich auf die eigenen Meriten zurückgeblickt («Au die Jahr, die verpeilte Gigs / Findes irgendwie geil»). Das übliche Rap-Gegockele eben. Auf «Si sy übrigens überau» wird dem Erstaunen über das ständige Auftauchen alternativer Wahrheiten Ausdruck verliehen, und in «Nid üses Revier» geht es um das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Haustier.

Aus alledem eine Haltung auszumachen, ist schwierig. Brisanz gibt es keine, dafür ein bisschen gelebter Konservatismus: Die eigenen Kinder werfen Steine ins Senkloch, YB ist Serienmeister, die grosse Aufregung ist also Geschichte. Am Abend wird in Trainerhosen Netflix geguckt, danach gibts ein Küsschen für die Ehefrau, «und wenn i lut schnuufe ir Nacht, muess ig uf ds Sofa ga pfuuse».

Grosse Klasse

Musikalisch ist «Deitinge Nord» ebenfalls tumultfrei gehalten. Die Hausproduzenten Link & Clumb haben das Sound-Layout unaufgeregt, geschmeidig, aber stilsicher fett gehalten. Die Beats sind gemächlich, als wolle man die Rapper nicht hetzen. Es dominieren die Analogsynthesizer und die etwas betagteren Schlagzeugmaschinen. Und wie die Sprache zum Fliessen gebracht wird, das hat die Elferschaft weiss Gott nicht verlernt. Dennoch ist es vor allem der ganz grossen Klasse der Leithammel Baze, Greis und Serej zu verdanken, dass Chlyklass auch 2020 noch zum Zuhören animieren.

Gäbe es eine Geste, die den ganzen Wortmeldungen dieses Albums am ehesten gerecht wird, dann wäre es ein Schulterzucken bei gleichzeitigem Hochstellen des Trainerjackenkragens und einem tiefen Zug an der Zigarette.

Und weil das alles in eine schampare Alters-Coolness verpackt ist, hört man diesen Mannen in ihren zwischenzeitlich aufflackernden Sinnkrisen halt eben doch irgendwie verdammt gern zu. Auch wenn Hip-Hop hier längst keine Abgrenzung zur Gesellschaft mehr ist, sondern zur eigenen Gewöhnlichkeit.

Kofmehl Solothurn, Samstag 11. Januar, 21 Uhr.

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