Langer Atem

Der Saxofonist Simon Spiess legt mit «Towards Sun» ein Jubiläumsalbum vor, das einen in Jubelstimmung versetzt.

Beherrscht diverse Grade an Luftigkeit und Heiserkeit: Simon Spiess (mit Hut) mit seinem Trio.

Beherrscht diverse Grade an Luftigkeit und Heiserkeit: Simon Spiess (mit Hut) mit seinem Trio. Bild: René Mosele

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Während viele seiner Kollegen ein Projekt nach dem anderen aus dem Hut zaubern, ist der Jazzsaxofonist Simon Spiess, der gerne Hüte trägt, seit einem Jahrzehnt als Leader eines Trios aktiv. Woher kommt diese Beharrlichkeit? Er habe früher Triathlon gemacht, verrät Spiess. Um sogleich anzufügen: «Die langen steilen Anstiege beim Velofahren habe ich am meisten geliebt.» Während er beim Triathlon auf sich alleine gestellt war, bekommt er im Trio kreative Unterstützung vom Bassisten Bänz Oester und vom Schlagzeuger Jonas Ruther. Für Spiess ist dieses Trio ein Kollektiv.

Beharrlichkeit beweist Spiess auch in der Auseinandersetzung mit den klanglichen Möglichkeiten des Saxofons – besonders faszinierend ist sein Einsatz diverser Grade an Luftigkeit und Heiserkeit. Nicht zuletzt, um sein emotionales Spektrum zu erweitern, hat er sich in den zurückliegenden zwei Jahren besonders intensiv mit dem Schaffen des «Saxophone Colossus» Joe Lovano befasst: «Ich bin eher ein ruhiger und überlegter Typ.

Lovano hat eine unglaubliche Kraft und Präsenz.» Und so gibt es nun auf der 10-Jahre-Jubiläums-CD «Towards Sun» (Unit Records) mit «Mr. Lovato» ein Stück zu hören, das nicht nur in seinen Wechseln zwischen pulsierenden und swingenden Teilen unüberhörbar von Lovano inspiriert ist. Der Titel verdankt sich übrigens einem Versprecher einer ehemaligen WG-Kollegin von Spiess.

Einmaliges Erlebnis

Und was steckt hinter dem Titel «Mrs. Israel»? «Meine Urgrossmutter hiess Israel. Sie war Jüdin und hat den Zweiten Weltkrieg überlebt», erläutert Spiess. Für ihn gehört nicht nur die Auseinandersetzung mit musikalischen Vorbildern (neu für sich entdeckt hat er in jüngster Zeit Johnny Griffin und Sonny Stitt), sondern auch Familienforschung zu seinem Dasein als Künstler und Mensch. Und so kann es nicht verwundern, dass er für sein Trio Musiker ausgesucht hat, mit denen er nicht nur gerne auf der Bühne steht.

Er sagt über Oester und Ruther: «Ihnen kann ich blind vertrauen. Und so können wir uns in unserer Musik weit aus dem Fenster lehnen.» So werden an Konzerten die Stücke nicht wie auf der CD separiert, sondern aneinandergehängt und mit freien Teilen verknüpft. «Wie zehren vom Moment und sind offen für neue Aspekte», sagt Spiess.

Die Mehrheit der Stücke auf «Towards Sun» stammt von Spiess. Den Kompositionsprozess fürs Trio bezeichnet Spiess als «interessante Routine», die Stücke fürs neue Album hat er an nur zwei Tagen komponiert, allerdings hat er sich während dieser Zeit in seinem Übungsraum regelrecht verbarrikadiert. Spiess hält fest: «Die Melodie kommt bei mir meistens erst am Schluss. Das ist eigentlich komisch, denn ich spiele ja ein Melodieinstrument.» Und dieses Melodieinstrument (genau genommen sind es zwei: Tenor- und Sopransaxofon) spielt Spiess über weite Strecken ungemein melodiös, er kann aber durchaus auch ins Abstrakte vordringen.

Spiess bewegt sich souverän zwischen elegischen und experimentellen Passagen. Dies gilt auch für seine Mitmusiker. Insgesamt zeichnet sich das Trio durch eine ungemein intuitive Musizierhaltung aus, was dazu führt, dass sich immer wieder das Gefühl einstellt, die Musik entwickle ein vom Bewusstsein der Musiker unabhängiges Eigenleben.

Be-Jazz-Club Vidmar Donnerstag, 6. Dezember, 20.30 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2018, 08:10 Uhr

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