Instrumente gegen Waffen

Ausgerechnet als Mali dem Untergang geweiht war, gründete sich die Gruppe Songhoy Blues. Das Quartett aus Bamako hat die Rebellion also quasi einverleibt.

Die Gründung der Gruppe Songhoy Blues war ein Akt des Trotzes und der Verzweiflung.

Die Gründung der Gruppe Songhoy Blues war ein Akt des Trotzes und der Verzweiflung. Bild: zvg

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2012 war kein gutes Jahr für Mali. Bis dahin galt das Land als stabile demokratische Insel auf dem afrikanischen Kontinent, und die Hauptstadt Bamako war ein kultureller Umschlagplatz zwischen Erster und Dritter Welt.

Als Musiker war es schick, sich in der Hauptstadt Malis Inspiration zu holen, schliesslich soll hier alles begonnen haben, der Blues, der später von den Sklaven in die USA verbreitet wurde, und mit ihm alles, was fortan die Popmusik begünstigen sollte. Bono, Björk, Beck, Sting, Springsteen, Damon Albarn, Paul McCartney, Bon Jovi, Billy Joel, Madonna, Lady Gaga, Elton John, Stephan Eicher: Sie alle waren regelmässige Gäste in Bamako, entweder um sich kulturell weiterzubilden, oder weil sie glaubten, dass in dieser musikalischen Hauptstadt die Muse kussbereit an jeder Ecke wartete.

Musizieren unter Gefahr

Aber eben. Das Jahr 2012 änderte alles. Zuerst flammten im Norden alte Konflikte zwischen den nomadischen Tuareg, die zuvor an der Seite Ghadhafis in Libyen gekämpft hatten, und den sesshaften schwarzafrikanischen Bauern auf. Das gipfelte darin, dass es in Bamako zu einem Militärputsch kam, weil man der Regierung vorwarf, dass sie den Konflikt im Norden nicht im Griff hatte.

Richtig kompliziert wurde es aber, als im Juni 2012 die Tuareg ihrerseits von einer al-Qaida-nahen Extremistengruppe angegriffen wurden, welche begann, in den nördlichen Städten Malis die Scharia einzuführen. In bloss einem halben Jahr geriet das Land aus den Fugen, die ganze lebendige Musikszene war auf einen Schlag gelähmt. Auf einmal war es in Mali nämlich nicht nur verboten, zu rauchen und Fussball zu spielen, das Musizieren sowie das blosse Hören von Musik wurde ebenfalls unter Androhung von Peitschenhieben oder dem Abschneiden von Händen oder Zunge untersagt. Und die Islamisten meinten es ernst. Timbuktu war bereits eingenommen, die Terroristen machten sich auf den Weg nach Bamako.

Das verbindende Element

In dieser mulmigen Stimmung eine Band zu gründen, schien eher nicht ratsam. Doch die Gruppe Songhoy Blues entstand genau zu jener Zeit. Aus Trotz. Aus Verzweiflung. Und aus dem unbedingten Willen heraus, ein Zeichen gegen das drohende Unheil zu setzen. Drei der vier Bandmitglieder waren aus dem Norden nach Bamako geflohen, in der einen Hand ein notdürftig gepackter Koffer, in der anderen ihr Instrument. In einer Bar begann man, erste Konzerte zu spielen. Diese avancierte zu einer Art Trutzburg gegen das nahende Unheil. Aus der Ferne hörte man Schüsse, von denen niemand so recht wusste, aus welchem Konflikt sie stammten. Drinnen wippten Tuareg, Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam zu der Musik von Songhoy Blues, die gleichzeitig tröstend und kämpferisch anmutete.

Im Gegensatz zur restlichen Mali-Musiktouristen-Prominenz, die dem Land tunlichst fernblieb, war es das einstige Blur-Oberhaupt Damon Albarn, der beschloss, den Musikern Malis zu helfen. Im September 2013 reiste er mit Brian Eno nach Bamako, um Bands für sein Africa-Express-Projekt zu suchen. Ziel war es, ein Album mit afrikanischen und westlichen Musikern aufzunehmen und mit diesem 80-köpfigen Tross per Zug die Clubs und Festivals des Vereinigten Königreichs anzusteuern.

Songhoy Blues war bald auf dem Zettel der präferierten Bands. Zusammen mit dem Gitarristen der Gruppe Yeah Yeah Yeah wurde in London das Stück «Soubour» eingespielt, eine dirty-bluesige Nummer mit afrikanischer Seele. Und weil die Begeisterung darob riesig war und das Stück zum mit Abstand meistgestreamten des Albums arrivierte, beschloss man, im gleichen Studio umgehend mit den Arbeiten an einem Songhoy-Blues-Longplayer zu beginnen. «Music In Exile» wurde 2015 von Atlantic Records herausgebracht und bestach mit schnörkellosem Wüstenrock, feinem Groove, muskulösen Gitarrenriffs, afrikanischen Gesängen, Polyrhythmen und jeder Menge bluesiger Ur-Gene.

Wüstenrock mit Ur-Punk

2017 erschien das Nachfolgealbum «Résistance», auf welchem die Band ihr Spektrum um funkige, hippierockige und (etwas weniger gelungen) hip-hoppige Elemente erweiterte. Beim Durchhören des Albums wird man gewahr, dass Jimi Hendrix zu den grossen Band-Idolen zählt. Und für das Stück «Sahara» konnte gar der Alt-Punk Iggy Pop für eine Gesangseinlage gewonnen werden. Sagen wir es so: Er bringt sich wunderbar wüstentouristisch in den Song ein.

Von all den grassierenden Wüstenrock-Bands der Gegenwart zählt Songhoy Blues mit Sicherheit zu den unberechenbarsten und doch stilsichersten. Ihre Musik läuft nie Gefahr, vom Westen vereinnahmt zu werden. Dafür steckt zu viel afrikanischer Stolz in ihrem Wesen. Und zu viel politisches und soziales Anliegen.

Gitarrist Garba brachte es kürzlich in einem Interview auf den Punkt: «Wir haben es am eigenen Leib erfahren: Die Welt ohne Musik wäre wie ein Gefängnis», sagt er und fügt an: «Mit Musik kann man eine ganze Bevölkerung ausbilden. Dass eine Religion diese Kraft fürchtet und zerstört, das mag früher möglich gewesen sein. Doch das ist nun vorbei.» Mali hat schlechte Jahre hinter sich. Dass die Zukunft ein bisschen rosiger aussieht, daran tragen Songhoy Blues einen klitzekleinen Anteil.

Bad Bonn Düdingen Montag, 11. Dezember, 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 07.12.2017, 06:46 Uhr

Malis Altmeister Boubacar Traoré in Bern

Neben der aufstrebenden Gruppe Songhoy Blues tritt in dieser Woche auch ein Altmeister aus Mali konzertant in Erscheinung. Boubacar Traoré thront derzeit in fast allen Weltmusik-Charts auf den obersten Plätzen.

Für sein im November erschienenes Album «Dounia Tabolo» ist er mit einigen seiner Lieblingsmusiker nach Lafayette (Louisiana) gereist und hat sich im Studio mit Musikern aus den Südstaaten ausgetauscht. Entstanden ist ein fast schon aufreizend entspanntes Blues-Werk, welches das geografische Wunder vollbringt, den Niger in den Mississippi münden zu lassen.

Im Zentrum der Musik steht Boubacar Traoré mit seiner beschwörenden Stimme und seinen repetitiven Linien, die er aus seiner Holzgitarre zupft. Der perkussive Leitfaden wird auf einen Kürbis geklopft, dazu gesellen sich – äusserst dezent eingesetzt – Geige und Violine, zwischenzeitlich schnaubt eine Mundharmonika mit. Und schon ist die Maschinerie am Grooven.

Aufnahmen und Konzerte von Boubacar Traoré sind Musik gewordene Meditationen, schwermütig und tanzbar zugleich. «Meine Lieder sind traurig, weil ich im Leben viel gelitten habe», pflegt der 75-Jährige gerne zu sagen. Offenbar ist das immer noch die beste Voraussetzung zum Erschaffen von wahrhaftigem und tiefschürfendem Blues.

Turnhalle Progr
So, 10. Dez., 19.30 Uhr.

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