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In Zeiten der Selbstüberschätzung

Wie machen sich Politiker die Sprache zunutze? Um diese Frage dreht sich Gornayas Stück «Island».

Verwirrspiel während eines Staatsbesuchs: Probenszene aus «Island».
Verwirrspiel während eines Staatsbesuchs: Probenszene aus «Island».
Annette Boutellier/zvg

Spricht Gornaya über Donald Trump, formt sie aus ihren Händen Münder, die sich unaufhörlich bewegen. Grosse Reden schwingen und doch keine Taten folgen lassen: Dafür ist der aktuelle amerikanische Präsident bekannt. Und obwohl Gornayas Stück «Island» auf den ersten Blick nichts mit ihm zu tun hat, boten seine Medienauftritte wohl bestes Anschauungsmaterial für die Schriftstellerin, die während der Spielzeit 2016/17 Hausautorin bei Konzert Theater Bern war und ihren bürgerlichen Namen nicht erwähnt haben will.

Denn in dieser Zeit hat Gornaya eine Farce über einen Staat geschrieben, der die eigene Bevölkerung in die Irre führt. Und zwar, indem sich der Stabssekretär als isländisches Oberhaupt ausgibt, das gerade das Land besucht, nachdem der eigentliche isländische Präsident als vermisst gemeldet wurde. Island ist Gornaya «zugefallen», wie sie sagt; vielleicht, weil sich die Insel so weit weg von uns befinde, spekuliert sie selber, sozusagen «am Rande des Geschehens». Der andere Staat bleibt zwar fiktiv und namenlos, ein Machtinhaber aber, der der Öffentlichkeit gar nicht mal so überzeugend Kompetenz vorgaukelt, kommt einem ziemlich real vor.

Rhetorische Macht

Dabei kam Trump erst viel später. Mit der Macht der Sprache befasst sich Gornaya schon lange und hat dazu breit recherchiert. Gelesen hat sie etwa Protokolle aus den letzten Sitzungen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) – «kurz bevor alles zusammengekracht ist, aber die Politiker immer noch so getan haben, als sei alles in Ordnung». Oder auch das Lehrbuch «Der totale Widerstand» aus der Zeit des Kalten Kriegs – eine «Kleinkriegsanleitung für Jedermann» im Falle eines sowjetischen Einmarsches in die Schweiz.

Heute stellt Gornaya in der Politik «einen unglaublichen Dilettantismus, eine unglaubliche Selbstüberschätzung» fest. Macht sei dort vor allem eine rhetorische, etwa wenn sich Politiker hierzulande auf einen fernen Schweizer Mythos statt der Realität berufen, um ihre Interessen durchzubringen. «Es geht ums Verleugnen und ums Vertuschen. Die Wahrheit wird verschleiert, die Sprache von der Wirklichkeit abgekoppelt», sagt Gornaya. Ähnlich wie wenn Staaten ihre Beziehung untereinander Freundschaft nennen, diese aber reichlich wenig mit Kameradschaftlichkeit, sondern vielmehr mit Eigeninteresse zu tun hat.

Die Wirklichkeit bricht herein

Sprache werde in der Politik zur reinen Partitur, sagt Gornaya. Und aus der könne man auch herausfallen, so wie 1989 das damalige SED-Mitglied Günter Schabowski an einer Pressekonferenz: «Als jemand gefragt hat, ob die Grenzen jetzt tatsächlich offen seien, geriet er ins Stottern.» Die Wirklichkeit, sie tat sich wie ein Abgrund auf, ähnlich wie auch in Gornayas Stück, in dem sich das Geschehen zuspitzt, bis die Machthaber dann doch zum Handeln gezwungen sind.

Der Grosstante verbunden

Um sich aus der Affäre zu ziehen, machen sie sich den «Banncharakter» der Sprache zunutze, sagt Gornaya: «Es wird jemand für vogelfrei erklärt.» Dabei denkt sie etwa an den türkischen Präsidenten Erdogan, wenn er beispielsweise einen Journalisten zum Terroristen erklärt, sodass das Gesetz diesen fortan nicht mehr schützt.

Unter einer Art Bann steht auch Gornaya selbst. Die gebürtige Baslerin fühlt sich ihrer verstorbenen Grosstante aus Riga, deren Familie nach der Russischen Revolution nach Deutschland geflüchtet ist, bis heute stark verbunden. «Ihr Mann hat früher immer gesagt: ‹Schweig, es interessiert niemanden, was du zu sagen hast!› Als Kind hat mich das schockiert, denn sie hätte sehr viel zu erzählen gehabt.»

Wenn Gornaya heute schreibt, dann ist ihre Grosstante für sie präsent – als Stimme, sagt sie. Deshalb schien ihr auch naheliegend, sich als Autorin eine Identität zu geben. Gornaya bedeutet «Berglein» auf Russisch. Eine Anlehnung an ihren richtigen Namen. Und eine Widmung.

Vidmar 2 Donnerstag, 21. September, 19.30 Uhr (Premiere). Bis 25. November. www.konzerttheaterbern.ch

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