In der Fülle der Leere

Hören und staunen: Der Berner Björn Meyer hat ein Solo-Album für die Basstöner dieser Welt eingespielt.

Die Handy-Lautsprecher-Generation wird von seiner Musik kaum was haben: Bassist Björn Meyer.

Die Handy-Lautsprecher-Generation wird von seiner Musik kaum was haben: Bassist Björn Meyer. Bild: Martin Möll/zvg

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Im Jazz- und Pop-Betrieb fristet das Bass-Solo eher ein Randständigen-Dasein. Eins pro Konzert wird bestenfalls geduldet, ein zweiter Tiefton-Vorstoss wird als eher anstrengend empfunden. Und als Meister gilt, wer in diesem einen Solo vornehm darauf verzichtet, nicht in die publikumswirksame Slap-Technik zu verfallen. Nein, der Bass gilt nicht als der Charismatiker unter den Instrumenten. Er steht unter dem Joch der Sachdienlichkeit, für mehr fehlt es ihm an tonaler Ausdruckskraft. So weit das Klischee.

Etwas anderer Meinung ist da der in Bern lebende Schwede Björn Meyer, der letzte Woche den Album-Katalog des honorigen Jazz- und Klassik-Labels ECM um das erste Elektro-Bass-Soloalbum erweitert hat. Ein Mann, von dem eine besonnene Seelenruhe ausgeht. Wenn er Sätze sagt wie: «Der Bass hat so viele klangliche Möglichkeiten, daran möchte ich die Leute teilhaben lassen», dann klingt das vielleicht nicht nach der ganz grossen Verbal-Offensive zur Bewerbung eines neuen Ton-Werks, doch die Art dieses feinen Menschen ist es nicht, grosse Töne zu spucken – seine Kompetenz ist der subtile Klang.

Zärtlichkeiten im Tieftonbereich

«Provenance», so der Name des Albums, ist ein musikalischer Anachronismus. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass sein ganzer Tiefton-Segen auf den meisten Abspielgeräten der Neuzeit (Handy- oder Laptop-Lautsprecher) kaum zu vernehmen sein wird. Und dieses Album geht auch in Opposition zu fast allem, wonach die Zerstreuungsindustrie giert: Da wird nicht mit Virtuosität geprotzt (obzwar diese natürlich durchaus vorhanden ist), es gibt keine aufbrausenden Emphasen, keine Struktur, an der man sich festhalten könnte.

Alles schwebt, die Aufregungen spielen sich im Subtilen ab – es ist Musik im Ruhepuls.

Es handelt sich eher um Zärtlichkeiten als um Attacken aufs Bauchfell. Je nach Gemütszustand weht diese Musik an einem vorbei wie ein flüchtiger Windhauch, oder sie hypnotisiert mit ihrer unscheinbaren Schönheit. Es ist eine mal kleingestige, mal rhythmisch pulsierende Sphärenmusik, die Björn Meyer hier unterbreitet – eigenwillig und doch umarmend, teils improvisiert, teils komponiert.

Die Forschung am Klang ist der Neugier des Wahlberners geschuldet. Des Öftern hat er sich in seinem Musikerleben auf Kooperationen eingelassen, in denen er gezwungen war, den Bass nicht im herkömmlichen Sinne zu denken und neue Klangräume zu erobern.

Zu diesen Projekten mit eher ungeläufiger Instrumentierung gehörte unter anderem die Arbeit mit seiner im Jahr 2012 verstorbenen Frau, der Harfenistin Asita Hamidi. Ausserdem spielt er in der Band des tunesischen Oud-Spielers Anouar Brahem, mit dem er bereits zwei ECM-Alben eingespielt hat, er begleitet die Xala-Tänzerin Ania Losinger oder arbeitete mit den helvetischen Groove-Revoluzzern Don Li und Nik Bärtsch zusammen.

«Ich kenne die Rolle des sachdienlichen Bassisten sehr gut und habe lange Zeit in Funk- und Latin-Bands gespielt», erzählt Björn Meyer. «Irgendwann wechselte ich zum Flamenco, wo ich erstmals ernsthaft Klangforschung betrieb und Lösungen suchte, wie man die Welt zwischen der Gitarre und dem Rhythmus auffüllen könnte. In späteren Band-Projekten ging es mir dann stets darum auszuloten, wie weit man den Bass in den Vordergrund spielen kann, ohne aufdringlich zu werden, und ich entdeckte dabei unerwartete Möglichkeiten.» Der Raum als Komplize

Auf seinem ersten Solo-Album kann er diese klanglichen Möglichkeiten nun voll ausschöpfen. Aufgenommen wurde es im Auditorio Stello Molo in Lugano, das mit seinem holzigen Interieur zu den beliebtesten Aufnahmesälen Europas gehört. «Dieser Raum hat mich und den ECM-Produzenten Manfred Eicher überhaupt zu diesem Solo-Album inspiriert», sagt Björn Meyer. «2014 nahmen wir dort ein Album mit Anouar Brahem auf und merkten, dass mein Bass in diesem Auditorium hervorragend klingt. Viele der Stücke habe ich denn auch speziell für diese besondere Raumakustik geschrieben – der Raum war also quasi mein musikalischer Komplize.»

Und wie von seinem Urheber geht auch von diesem Album eine besonnene Seelenruhe aus. Alles schwebt, die Aufregungen spielen sich im Subtilen ab – es ist Musik im Ruhepuls. Wollen wir es Entschleunigungsmusik nennen? «Sagen wir so», wirft Björn Meyer ein: «Verglichen mit einem Solo-Album meines Bass-Helden Marcus Miller ist es eher ruhig geartet. Nun ja, so bin ich eben.»

Orbital Garden Do–Sa, 28.–30. September. Album: Björn Meyer: Provenance (ECM). (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2017, 07:33 Uhr

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