Ihr Wille ist ihre Schaufel

Die Südafrikanerin Ntando Cele streicht sich in ihren Performances weisse Farbe ins Gesicht. Und zeigt damit, dass Identität mehr ist als das, was wir sehen.

«Ich hoffe, dass meine Kunst die Sprachbarriere überwindet»: Ntando Cele.

«Ich hoffe, dass meine Kunst die Sprachbarriere überwindet»: Ntando Cele.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Xymna Engel

Wie eine Hand streift die Kamera über die Oberfläche. Sie gleitet über Dünen ohne Sand und Wege ohne Ziel, nähert sich Bergen so gross wie Stecknadelköpfe, blickt in Krater, die atmen. Es ist das Gesicht von Ntando Cele, der Berner Performerin, deren Nachname in ihrer Muttersprache mit einem Klicklaut beginnt.

Das Video entstand vor etwa fünf Jahren, da war sie noch nicht lange in Europa. Europa hat sie verändert. Vor allem ihre Wahrnehmung von sich selbst. Und es liess eine Frage immer stärker lodern: «Was ist in meinem Gesicht eigentlich so anders?» Cele fing an, es mit der Kamera zu untersuchen, so nah wie nur möglich. Und stellte fest: «Gesichter sind einfach unterschiedliche Landschaften.»

Cele stammt aus Durban, einer Grossstadt an der Ostküste Südafrikas. «Wenn ich an Durban denke, denke ich als Erstes an den Strand, den Geruch von Curry, an den Lärm, die vielen Menschen.» Draussen vor der Fensterscheibe des Kornhauscafés ziehen an diesem Morgen nur wenige Leute vorbei, das Wetter hat die gleiche Farbe wie die Sandsteingebäude, die Herbstblätter wurden bereits weggefegt.

«Am Anfang hat es mich irritiert, wie kontrolliert hier alles abläuft. Auch im Kulturbereich. Man muss stets gut vorbereitet sein und Projekte oft schon ein Jahr im Voraus planen. Und am Schluss hat trotzdem keiner Zeit», sagt die 36-Jährige, während sie Zucker in ihren Kaffee rührt.

Sie ist müde. Die Kunst lässt ihr keine Ruhe: Am Tag zuvor hat sie lange für das Stück eines Bekannten in Zürich geprobt, letztes Jahr reiste sie mehrmals zwischen der Schweiz, Holland und Südafrika hin und her, zeigte hochschwanger ihr Stück «Face Off» im Tojo-Theater, bald hat ihre neue Performance «Black Off» im Schlachthaus-Theater Premiere. Darin verbindet sie zwei frühere Arbeiten – über unsere Wahrnehmung, über das Stolpern, über die Vorurteile und Stereotype, die einer schwarzen Frau aus Südafrika in Europa entgegengebracht werden. Doch wie ist Cele überhaupt hier gelandet?

Zeit statt Sprache

An der Highschool in Durban spielte sie zum ersten Mal in einem Kindertheaterstück, danach kam für sie nur noch die Kunsthochschule infrage. Was willst du machen? Schauspiel? Wofür? «Meine Mutter verstand mich nicht, wir hatten oft Streit», sagt Cele. Doch sie setzte sich durch und kam im Studium an der Universität in Durban zum ersten Mal mit Performance in Berührung – und war begeistert. Genauer gesagt: «mind blown».

Cele spricht Englisch und Zulu, kein Deutsch. Trotzdem fühlt sie sich in der Schweiz integriert. «Ich denke, viel wichtiger als die Sprache ist die Zeit. Ich gebe Konzerte für die Nachbarschaft, bin in die Kulturszene hineingewachsen, fühle mich als Teil der Gemeinschaft. Und ich hoffe, dass meine Kunst die Sprachbarriere überwindet», sagt sie mit dieser Stimme, die so warm und angenehm klingt, wie frischer Hefeteig schmeckt.

Durch ein Stipendium kam sie 2009 nach Europa. Bei ihrem ersten Besuch war eine der ersten Fragen, die ihr gestellt wurden: Wann gehst du wieder zurück? Sie blieb, machte ihren Masterabschluss in Theaterwissenschaft in Amsterdam. 2013 kam sie nach Bern, heute ist sie mit dem Berner Schriftsteller Raphael Urweider verheiratet, der auch viele ihrer Stücktexte schreibt.

Cele, die für die nächsten drei Jahre vom Migros-Kulturprozent-Programm Prairie gefördert wird, gräbt im Feld zwischen Performance und Theater nach unbequemen Wahrheiten, fördert dabei aber auch Humor zutage. Ihr Wille ist ihre Schaufel. Sie ist aber nicht nur die starke schwarze Frau, die uns darauf aufmerksam macht, dass Identität mehr ist als das, was wir sehen.

Cele ist auch eine energetische Performerin und Sängerin, reisst mit, schlägt aus. Das kommt gut an beim europäischen Theaterpublikum. In ihrer Heimat sagen manche, ihre Kunst sei zu weiss.

Und ihre Mutter, versteht sie sie heute besser? «Sie kann besser damit umgehen, doch wirklich verstehen tut sie mich nicht.» Aber thematisiert Cele in ihrer Arbeit nicht etwas, das auch ihre Familie betrifft? Cele ist das älteste von vier Geschwistern; als Südafrika die Apartheid abschaffte, war sie 14 Jahre alt. Erst letztes Jahr kam es in Durban wieder zu Ausschreitungen gegen Migranten.

«Meine Familie versteht natürlich, worum es geht. Aber sie verstehen nicht, warum ich mich deshalb auf die Bühne stellen und weiss schminken muss.» Die Figur, von der sie spricht, heisst Bianca White. Sie hat blonde Haare und blaue Kontaktlinsen, mag Seidenhandschuhe und schlechte Witze. Im Gegensatz zu Cele kann sie auf der Bühne sagen, was immer sie will, zum Beispiel: Schwarze verkaufen Gras, Weisse haben schlechten Sex und eine Vorliebe für «complicated art shit».

Wenn sie als Ntando über ihre Hautfarbe spräche, werde sie schnell als Opfer wahrgenommen, sagt sie. «Bianca hat Privilegien, sie erlaubt es mir zu zeigen, wie ich wahrgenommen werde.» Umso weisser sie wird, umso stärker wird die Message der Schwarzen. «Für mich ist die Performance der einzige Weg, den ich gehen kann. Und auch der einzige Weg, um nicht verrückt zu werden», sagt sie, ihre pink lackierten Fingernägel bohren sich in die Tischplatte.

«Wer findet so was lustig?»

Im Schweizer Fernsehen wurde unlängst ein Beitrag ausgestrahlt, in der ein Komiker von «Verstehen Sie Spass?» mit brauner Farbe im Gesicht und aufgeklebten Lippen Moderator Robi Köller veräppelte. «Es hat mich nicht überrascht. Leider. Ich finde es seltsam, dass in einer fortschrittlichen Gesellschaft solche Generalisierungen passieren. Wer findet so was lustig?»

Rassismus findet statt, auch wenn Cele das in der Kulturszene nicht direkt erlebt. «Aber wenn ich sehe, wie oft Rollen von Fremden mit Einheimischen besetzt werden, frage ich mich schon: Wie tolerant ist die Kulturszene wirklich? Wir haben doch genug Fremde, die diese Rollen übernehmen könnten. Come on!»

Im zweiten Teil von «Face Off» wischt sich Cele die weisse Farbe vom Gesicht. Die Stand-up-Comedy von Bianca White ist nur noch ein Echo, und spätestens jetzt wird klar, dass Cele nicht nur umgekehrtes Blackfacing betreibt. Zur atmenden Klaviermusik von Simon Ho wickelt Cele einen Faden um ihr Gesicht, fährt mit der Kamera über die eingeschnürte Haut. Und aus Lachen wird Verstehen.

Schlachthaus-Theater«Black Off»: Do, 3., bis Sa, 5. 11., jeweils 20.30 Uhr. Im Dezember ist sie im Stück «Heimat Kosmos» der Gruppe Club 111 als Schauspielerin zu sehen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt