«Guru sein wäre schon sehr o.k.»

Das Ostschweizer Duo Lord Kesseli and the Drums versammelt auf seinem zweiten Album «Melodies of Immortality» Musik, die nicht ganz von dieser Welt ist.

«Manche Leute haben das Gefühl, ich sei total durchgeknallt»: Dominik Kesseli (r.) mit Michael Gallusser.

«Manche Leute haben das Gefühl, ich sei total durchgeknallt»: Dominik Kesseli (r.) mit Michael Gallusser. Bild: Karin Schmid

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«Guru sein wäre schon sehr o.k.», sagt Dominik Kesseli in breitem Ostschweizer-Dialekt. Der 38-Jährige hätte optisch denn auch durchaus Potenzial zum Vorsteher irgendeiner obskuren Sekte: Kajal-umrandete Augen, langes Haupthaar, das schon vollere Tage gesehen hat, Bart, weisse wallende Gewänder und Kette mit kultischem Anhänger. So präsentiert sich Dominik Kesseli, wenn er zusammen mit Michael Gallusser auf der Bühne als Lord Kesseli and the Drums agiert. Dass das Duo zudem bei seinen Konzerten gerne exzessiv mit Weihrauch und Räucherstäbchen hantiert, potenziert die verschrobene Exzentrik noch. «Die Leute in St. Gallen haben teilweise das Gefühl, ich sei total durchgeknallt», sagt Kesseli und lacht.

Besagten Leuten in Kesselis Heimatstadt muss zugutegehalten werden, dass eine klare Linie zwischen der Kunstfigur Lord Kesseli und dem Mann dahinter nicht so einfach zu ziehen ist. Seine Kindheit verbrachte Kesseli im Wallis, genauer in Gampel Steg, wo sein Papa in der Schule nicht nur Musik unterrichtete, sondern in der Kirche auch die Orgel bediente. Als Kesseli junior zwölf Jahre alt war, zog die Familie in die Ostschweiz, wo der Teenager zuerst die Welt von Grunge und Industrial für sich entdeckte, später dann Klassik und Jazz mit Schwerpunkt Schlagzeug studierte und in diversen Band-Unterfangen mittat (Stahlberger, A Crashed Blackbird Called Rosehip, The Masked Animals). Vor vier Jahren gründete Kesseli zusammen mit Michael Gallusser Lord Kesseli and the Drums, seitdem reisen die beiden Wunderlinge quer durch die Lande und haben soeben mit «Melodies of Immortality» ihr zweites Album herausgegeben.

Musikalischer Bastard

Wer es musikalisch gerne glatt und gefällig mag, der wird sich mit Lord Kesseli and the Drums wohl kaum anfreunden können, zu unberechenbar und sperrig ist der musikalische Bastard, den das Ostschweizer Duo seinen Gerätschaften entlockt. Mit Schlagzeug, Gitarre, elektronischen Bässen, Synthesizern und vorproduzierten Samples fabrizieren die Herren Kesseli und Gallusser eine Mischung, die irgendwo zwischen verdrögtem Psych-Rock, vernebeltem Shoegaze und sakraler Totenmesse zu verorten ist. Tieftonige Frequenzen gehören ebenso zum Arsenal des Duos wie Störgeräusche.

Auf wehmütige Synthie-Akkorde folgen wuchtige und wütende Schlagzeug-Attacken, die zusammen mit gefährlich verzerrten Gitarrenriffs zu Wänden epischer Breite aufgeblasen werden. Majestätischer Pomp und Bombast wird mit fragiler Stimme kombiniert und mit einer grossen Kelle Hall angerichtet. Dass seiner Musik auch etwas Sakrales innewohnt, wozu wahrscheinlich das Kirchenorgel-Spiel des Papas das Seinige zugetragen haben dürfte, habe er erst relativ spät erkannt, nämlich als er sich bewusst mit seinen musikalischen Einflüssen auseinandergesetzt habe, sagt Kesseli.

Die acht Songs auf «Melodies of Immortality» klingen so, als hätten die Herren Kesseli und Gallusser zuerst einmal ordentlich dem Weihrauch gefrönt, dann drei Nächte durchgemacht, um sich dann dem Komponieren hinzugegeben. Nun ja, drei Nächte sei vielleicht etwas kurz bemessen, Weihrauch sei aber definitiv jede Menge involviert gewesen, bestätigt Kesseli. Auch wenn die melancholischen und larmoyanten Gesangsmelodien vermuten lassen, dass die Fröhlichkeit nicht unbedingt das Kerngeschäft des Lord Kesseli ist, so ist derselbe doch mit einem sympathisch trockenen Humor ausgestattet.

Airbrush-Yogi

So inszeniert er sich in Videos auch mal als fliegender Yogi vor unsäglichem Airbrush-Bild und beantwortet die dringlichsten Fragen der Kesseli-Jüngerschaft. Dabei erfährt man, dass Räucherstäbchen böse Geister vertrieben, dass ihm Songmelodien im Schlaf zugeflüstert würden, dass die 432-Herz-Kurve Körper und Geist harmonisiere und dass die Message seines Albums diejenige sei, dass Liebe zwar wehtue, aber trotzdem das Allerwichtigste in der Welt darstelle. Bei alledem bleibt unklar, wo die Persiflage aufhört und die Selbstfindung beginnt.

Es sei ein bewusstes Spiel und Ausloten dieser Grenze, sagt Kesseli. Es gehe ihm aber keinesfalls darum, Esoterik oder Religion ins Lächerliche zu ziehen, sondern vielmehr, diese aus kritischer Warte zu hinterfragen. Zudem wolle er bewusst Gegensteuer geben zu Hass und Unwohlsein, welche von rechten Parteien geschürt würden. «Wenn die etwas erreichen, indem sie einfach Dinge immer und immer wieder behaupten, dann kann ich das doch auch, indem ich immer und immer wieder Liebe predige. Und ausserdem strebe ich ja durchaus eine gewisse Unsterblichkeit an.» Der Guru-Karriere des Lord Kesseli dürfte somit eigentlich nichts mehr im Weg stehen.

Bad Bonn Düdingen 1.12.18 (Der Bund)

Erstellt: 29.11.2018, 07:11 Uhr

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