Freiheit in der Kette

Alessandro Schiattarella hat mit der Cie Beweggrund «One at a time...» einstudiert, ein Stück, in dem menschliche Verletzlichkeit zur Stärke wird.

Ein vielteiliges Ganzes: Die Tanzenden in der neuen Produktion von Beweggrund kommen aus fünf Nationen.

Ein vielteiliges Ganzes: Die Tanzenden in der neuen Produktion von Beweggrund kommen aus fünf Nationen. Bild: zvg

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Die Dampfzentrale zeigt an diesem Nachmittag ihr Werktagsgesicht. Rohe Gerüste stehen herum. Am Boden liegen Rucksäcke, T-Shirts, Wasserflaschen. Und auf der Bühne fehlen noch das Licht, das Bühnenbild und die Kostüme. Die Tänzerinnen und Tänzer scheint es nicht zu kümmern.

In einer Reihe stehen die fünf Frauen und zwei Männer nebeneinander. Alle tragen die gleichen Sonnenbrillen. Plötzlich erklingen feine Klänge. Sie streichen wie ein Windhauch durch die Körperreihe und bringen sie in Bewegung. Eine Frau fährt den Arm aus, schiebt den Kopf des Nachbarn zur Seite, beugt dessen Rumpf in eine neue Position.

Wer einen Impuls empfängt, gibt ihn weiter. Aus der Kettenreaktion wächst eine fliessende Bewegung. Die Menschenkette bewegt sich in den freien Raum. In Linien, Schlaufen, Kreisen. Schön ist das anzuschauen. Einige der Tanzenden brauchen die Füsse, Arme und Beine. Andere ihre Requisiten. Räder oder Stöcke. Denn hier sind Menschen mit und ohne Behinderung unterwegs. «Einer der Tänzer ist blind», sagt Susanne Schneider, die Leiterin von Beweggrund. Man hätte es nicht bemerkt. In der Kette wirken alle frei.

Im Clinch mit den Schatten

Die meisten der sieben Tanzenden sind das erste Mal in Bern. Sie kommen aus Italien, Südafrika, Spanien, Griechenland und der Schweiz. «Stop», unterbricht Alessandro Schiattarella. «Let us begin once more.» Der Choreograf hat vom Bühnenrand zugeschaut. Jetzt steht er unter den Tänzern. Sein Gesicht kommt einem bekannt vor. Es ist kein Zufall. Schiattarella tanzte nach Engagements bei Maurice Béjart und im Genfer Ballett unter Cathy Marston am Berner Stadttheater.

2012 hat er da auch das erste Mal choreografiert. Es war ein starkes Solo mit dem Titel «Altrove», das er heute noch gelegentlich aufführt. In dem Stück zeigte er sich im Clinch mit dem verzerrten Schatten, den sein Körper an die Wand wirft: Einmal sah der aus wie eine dünne Giacometti-Figur, dann wie ein buckliger Quasimodo. Das Stück liess sich biografisch lesen. Er habe kurz zuvor erfahren, dass er an einer seltenen Nervenkrankheit leide, die die Muskeln angreift, sagt Schiattarella. Eine schockierende Diagnose für einen, für den es nichts anderes gibt als tanzen.

«Im klassischen Ballett orientiert man sich an Standards. Da sind Abweichungen verpönt.» Deshalb verlegte er seine Arbeit in die freie Szene. «Da gilt Anderssein nicht als Handicap, sondern als Besonderheit, die künstlerisch genutzt wird.» Heute ist Schiattarella weltweit ein gefragter Spezialist für inklusive Tanzproduktionen; nach Bern wird er in Asien und Südafrika tätig sein.

Beruf Brückenbauer

Die Krankheit habe ihn kreativer gemacht, sagt der 36-Jährige, der sich als Brückenbauer versteht. Mit seinen Werken möchte der Choreograf vermitteln, dem Publikum Denkanstösse geben. Aber auch aufzeigen, wie Verletzlichkeit in Stärke transformiert werden kann.

Dampfzentrale Freitag, 12., und Samstag, 13. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 14. Oktober, 18 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 11.10.2018, 07:10 Uhr

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