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Fragen in physischer Form

Zwanzig Jahre nach der Uraufführung: Anna Huber tanzt ihr vielgereistes Solostück «unsichtbarst²» im Licht des sich wandelnden Körpers.

Lebendig gewordene Skulptur: Anna Huber im Solo «unsichtbarst²».
Lebendig gewordene Skulptur: Anna Huber im Solo «unsichtbarst²».
S. Greuner

«Ich bin nicht einfach ich», sagt Anna Huber, Berner Tanzforscherin und Bewegungsphilosophin. Als Tänzerin sei sie stets Subjekt und Objekt, Kunst-Schaffende und Kunst-Werk, Instrument und Werkzeug, Autorin und Interpretin. Denn anders als eine Musikerin könne sie ihr Instrument, den Tanzkörper, nie weglegen. Gerade ist sie von Aufführungen im Pavillon Noir in Aix-en-Provence zurückgekehrt, wo sie «unsichtbarst²» getanzt hat, die neue Fassung eines Solos, das die heute 54-Jährige zu Beginn ihrer aussergewöhnlichen Tanzkarriere geschaffen hat.

Fragen nach der Form und ihrer Auflösung im Körper haben sie damals ebenso beschäftigt wie heute. Deshalb muss es nicht erstaunen, dass Huber die Recherche an «unsichtbarst» unter neuen Perspektiven aufgenommen hat. Gerade in dieser schnelllebigen Zeit finde sie es besonders wertvoll, ein Werk auszuleuchten und im aktuellen Kontext erneut sichtbar zu machen, sagt die tanzende Choreografin. Der Versuch fasziniert sie, beim Experimentieren mit amorphen Formen geformte, kontrollierte Bewegung aufzulösen. Und festzustellen, dass genau dies unmöglich sei.

Spiel mit Erwartungen

Diese Tatsache erlaubt ihr, freier mit eigenen und gesellschaftlichen Körperbildern, Haltungen, Gesten und Klischees zu spielen. Oder Glieder in ihrer Bewegung zu fragmentieren und sie – wie in «unsichtbarst» – in den Spiegelungen auf dem glänzenden Aluminiumboden wie in einem Kaleidoskop zu multiplizieren: So gibt Anna Huber existenziellen Fragen, Zweifeln und Sehnsüchten durch ihren Körper eine physische Gestalt.

Das Solo «unsichtbarst», das die in Bern lebende Künstlerin vor über zwanzig Jahren geschaffen und im Hamburger Bahnhof in Berlin uraufgeführt hat, sei die erste Arbeit, die sie ausserhalb des geschützten Bühnenraums kreiert habe, sagt Anna Huber. Im Spiel mit Erwartungen, Rollenbildern und Klischees habe sie darin die Aufführungssituation thematisiert und hinterfragt. Es geht ihr um die Situation des Darstellens und Zuschauens, um das Sehen und Gesehenwerden. Eine Situation, welche die Künstlerin nicht nur mit jedem Auftritt einfordert, sondern auch aushalten muss, wenn sie sich von allen Seiten der Beobachtung aussetzt.

Lustvoll lehren und lernen

Und wie geht die Tänzerin mit dem zunehmenden Alter, den Verschleisserscheinungen um? Natürlich kenne sie die existenzielle Angst, einmal nicht mehr tanzen oder auftreten zu können oder nur zu einem hohen Preis, sagt Huber. Was nach dem Tanz komme, das plane sie aber nicht. «Sonst könnte ich ja gleich aufhören.» Bewegung und Tanz, Fragen nach einer vielschichtigen Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit Raum und Umgebung würden sie immer beschäftigen. Ausserdem habe sie die Lust und Neugier am Lernen sowie am Lehren wiederentdeckt.

Gerade der Austausch mit älteren Persönlichkeiten, die sich ihr Leben lang weiterentwickeln, sei für sie besonders motivierend und inspirierend. Huber erwähnt Bonnie Bainbridge Cohen, die Begründerin von Body Mind Centering, die mit bald 80 Jahren immer noch äusserst agil, neugierig, grosszügig und humorvoll sei. Bainbridges Satz «be curious instead of disciplined» (sei neugierig statt diszipliniert) hat Anna Huber beflügelt. Ohne Disziplin, tägliche Bewegung und kontinuierliches tiefer Schürfen gehe es aber nicht. Sie bleibt dran. Und dürfte also auch nach der Aufführung von «unsichtbarst²» noch eine ganze Weile sichtbar bleiben.

Dampfzentrale Bern Montag, 29. April, 19.30 Uhr zur Eröffnung des Festivals Heimspiu, das vom 29. April bis 5. Mai Arbeiten von Berner Tanzschaffenden zeigt. Infos unter www.dampfzentrale.ch

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