«Es geht um Gewalt in einem unbeobachteten Raum»

«Der Verdingbub» kommt nach dem Kinoerfolg von 2011 nun auch auf die Bühne. Autor Plinio Bachmann spricht über die Unterschiede der zwei Formate.

«Der Raum funktioniert auf der Bühne ganz anders.»

«Der Raum funktioniert auf der Bühne ganz anders.» Bild: zvg

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«Der Verdingbub», ein Film nach Ihrem Drehbuch, kommt nun auf die Bühne. Was mussten Sie ändern?
In einem Theaterstück liegt viel mehr Kraft und Ausstrahlung in der Sprache, vor allem in den Dialogen. Also haben wir begonnen, die Szenen frei zu schälen von ihren situativen Elementen. Dort, wo es um wirkliche Komplikationen und um die Verhandlung von Status geht, haben wir die Szenen konzentriert und darauf aufgebaut.

Wie kam es zu dieser Neuauflage?
Noch bevor die Inszenierung beschlossen war, bat mich der Schauspieldirektor von Konzert Theater Bern, Cihan Inan, eine erste Fassung auszuarbeiten.

Was müssen Sie beachten, wenn Sie für die Bühne schreiben?
Da gibt es grosse Unterschiede, der Raum funktioniert ganz anders. Gewisse Dinge, etwa das Schlachten einer Sau, müssen abstrahiert werden und lassen sich nicht einfach reinschreiben. Meine Co-Autorin Barbara Sommer hat glücklicherweise als jahrelange Dramaturgin viel Übung darin.

Im Film wurden Nähe und Distanz gelungen eingesetzt, um ein historisches Schicksal zu vermitteln. Gebietet das Theater da mehr Zurückhaltung?
Nein, ich glaube auf der Bühne erlaubt man sich noch eher die Extreme. Die Zuschauer wissen immer, dass die da vorne stehen und etwas vorspielen, während sie es im Film manchmal vergessen, sekundenweise.

Seit dem Film ist einiges passiert: Es gab die Wiedergutmachungsinitiative, und als Folge des indirekten Gegenvorschlags trat im April das «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» in Kraft. Wie haben Sie das alles mitverfolgt, als Autor, der mit dem Film die Öffentlichkeit massgeblich für das Thema sensibilisiert hat?
Ich bin natürlich stolz, Teil einer Gesamtbewegung zu sein. Die Idee kam von ganz vielen Leuten gleichzeitig. Mit Bewegung meine ich die Tatsache, dass damals der Historiker Marco Leuenberger für die historische Aufarbeitung vom Nationalfonds unterstützt wurde. Unser Film, der überraschenderweise und glücklicherweise zum Erfolg wurde, und die Politik mit ihren Vorstössen – es zogen einfach alle an einem Strang. Und so kam es zur Veränderung und – zumindest teilweise – zur Wiedergutmachung des Schadens.

Warum gehört der Stoff gerade jetzt noch auf die Bühne?
Ein Grund könnte sein, dass er – nachdem er als Film ein Erfolg war und abgesehen von der historischen Situation – noch viel mehr vermittelt: Es ist ein Stück über Gewaltprozesse in einem hermetisch abgeschlossenen, von aussen nicht kontrollierten oder beobachteten Raum. Also auch ein Drama über Gesetze, die in bestimmten Situationen nicht durchgesetzt werden.

Gibt es Bezüge zur Gegenwart?
Es gab die Überlegung, das Stück an das Flüchtlingsdrama zu adaptieren. Ich finde das jedoch nicht nötig. Der Stoff kann bei sich selbst bleiben, und wenn er mit anderen aktuellen Situationen zu tun hat, merkt man das. Zum Beispiel könnte man auch sagen: Sklaverei ist noch ein Thema, wir haben sie einfach dorthin exportiert, wo wir sie nicht mehr sehen müssen. Aber ich bin nicht der Typ für solche vorgefertigten Ausdeutungen. (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2017, 06:55 Uhr

Plinio Bachmann

Plinio Bachmann ist vor allem als Drehbuchautor tätig. Von 2009 bis 2011 war er leitender Dramaturg am Wiener Burgtheater, und bis vor zwei Jahren leitete er das Ressort Theater der städtischen Kulturförderung in Zürich. «Der Verdingbub» (Regie: Markus Imboden) von 2011 war sein erstes verfilmtes Drehbuch und ein grosser Kino- und Fernseherfolg. Nun wird die Geschichte des an einem Bauernhof verdingten und misshandelten Waisenkindes am Berner Stadttheater in der Regie von Sabine Boss uraufgeführt.

Premiere ist am Freitag, 13. Oktober, um 19.30 Uhr.
Bis 21. April. www.konzerttheaterbern.ch

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