Ein weites Feld von Möglichkeiten

John Lennon war Fan, Jimmy Hendrix und Andy Warhol ebenso, bis ein Plattencover die Karriere jäh beendete. Dennoch spielt die Gruppe Silver Apples am Donnerstagabend in Bern.

Musik und Science-Fiction: Simeon Coxe bei einem Konzert im Jahr 1968. Der Aufbau seines Instrumentariums nahm jeweils zwei Stunden in Anspruch.

Musik und Science-Fiction: Simeon Coxe bei einem Konzert im Jahr 1968. Der Aufbau seines Instrumentariums nahm jeweils zwei Stunden in Anspruch. Bild: Archiv

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Wir schreiben das Jahr 1968. In New York brodelt eine ebenso coole wie schrille Kunst- und Partyszene. Andy Warhol hat gerade die musikalisch reichlich unbedarften Velvet Underground zu Superstars gemacht, indem er ihnen ein noch unbedarfteres Fotomodell namens Nico vors Frontmikrofon stellte. Er will beweisen, dass die Macht des Marketings über allem steht, auch über der Kunst.

Silver Apples - Oscillations (1968). Quelle: Youtube.com

Doch bald wird eine andere Band seine volle Aufmerksamkeit erheischen. Die Gruppe Silver Apples hat im selben Jahr ein unbetiteltes Album auf den Markt gebracht, das die Welt nachhaltig irritieren sollte. Da trommelt ein Herr namens Dan Taylor am Schlagzeug wunderlich hypnotische Beats in die Felle, und ein anderer – Simeon Coxe – hantiert mit futuristisch anmutenden deutschen Oszillatoren aus dem zweiten Weltkrieg, mit elektronisch verfremdeten Banjos oder spontan eingespeisten Radiowellen. Und er singt dazu Lieder, die nicht das Zeug haben, die Welt zu erklären, sondern sie noch rätselhafter erscheinen zu lassen, als sie es ohnehin schon ist.

Andy Warhol ist begeistert und schlägt dem Duo vor, sich dessen Karriere anzunehmen. Unmittelbares Ziel: Welterfolg und Startum. Als Blickfang castet er ihnen die einstige Dali-Muse Ultra Violet in die Band. Man übt zusammen, spielt sogar einige Konzerte, doch irgendwann beschliessen die beiden Bandgründer, auf die Anschubhilfe aus der Kunstszene zu verzichten. Silver Apples geben Warhol einen Korb und jammen lieber mit Jimi Hendrix, der sich als grosser Fan des extravaganten Duos erweist. Und sie experimentieren weiter an einer Musik, die noch gar nicht erfunden ist. Was sie selber noch nicht wissen: Die Band nimmt in der Folge den Krautrock und Teile der elektronischen Popmusik vorweg – nicht ganz unbedeutende Musiker wie John Lennon, Beck, die Beastie Boys, Stereolab oder Portisheads Geoff Barrow geben die Silver Apples als Inspiration ihres Tuns an.

Bluegrass und Science Fiction

1969 kommen sie bei einer Major-Plattenfirma unter, was für grosses Erstaunen sorgt. Bald spielen sie auch als Vorband von Jethro Tull, MC5 oder T-Rex, was weitherum für Verwirrung sorgt, denn diese Musik ist viel zu sonderbar, als dass sie im konventionellen Konzert-Kontext funktionieren könnte. Von der Gruppe Blood, Sweat and Tears werden Silver Apples auf offener Bühne beschimpft, während Procol Harum sie als die «wichtigste Band der Gegenwart» bezeichnet. Der kreative Antrieb des Duos gründete im Umstand, dass den beiden schnell langweilig wurde. Jeder Song sollte eigen sein und nicht an den vorangegangenen erinnern. Also wurde stetig etwas Neues ausprobiert: Auf Science Fiction folgte Bluegrass, auf Psychedelik folgte Pop, oder es wurde exzessiv mit Geräuschen experimentiert. «Es gab keine Grenzen für uns, nichts war erprobt», sagte Simeon Coxe kürzlich in einem Interview, «da war ein weites Feld von Möglichkeiten, das uns zum Spielen einlud.»

Und es läuft zunächst ganz prima. Silver Apples züngeln mit ihrer wunderlichen Form der bewusstseinserweiternden Musik sogar in die amerikanischen Charts, die Hippies sind aus dem Häuschen ob dieser futuristischen Rauschgiftmusik, und als die ersten Amerikaner auf dem Mond landen, dürfen Silver Apples die auf Grossbildschirme übertragene Mission im New Yorker Central Park live vertonen.

Pan Ams Zorn

Doch die erspriessliche Karriere sollte bald ein brüskes Ende nehmen. Schuld daran war eine eigentlich ganz hübsche Idee für das Plattencover zu ihrem 1969er-Album «Contact». Sie nahmen das Coverbild im Cockpit einer Pan-Am-Maschine auf. Die Werbebeauftragten der Firma waren begeistert und platzierten jede Menge Logos der Fluglinie im Führerstand. Was sie jedoch nicht wussten, war, dass die Rückseite des Albums die beiden Bandmitglieder in den Trümmern eines verheerenden Flugzeugabsturzes zeigte, mit Banjo und bekümmertem Blick.

Das war nicht gut. Das war sogar gar nicht gut. Es folgte eine furiose Klage der Fluglinie gegen die hippieske Band, das Album wurde aus sämtlichen Verkaufslokalen des Landes geräumt, die Band erhielt Auftrittsverbot, Pan Am liess sogar das Schlagzeug von Dan Taylor konfiszieren, das elektronische Equipment konnte knapp vor dem Zugriff gerettet werden, indem es auf dem Dachboden eines Freundes versteckt wurde. Doch die Band war am Ende. Nach bloss zwei Alben. Zerstört von einem zornigen Grosskonzern.

Die Wahrheit über Sankt Nikolaus

Auch die Zweitkarriere von Simeon Coxe als News-Reporter war nicht von grossem Erfolg gekrönt. Als er seinem Publikum in einer launigen Anmoderation die Wahrheit über den heiligen Sankt Nikolaus erzählte, wurde er vom Sender umgehend gefeuert. Aufgebrachte Erziehungsberechtigte hatten den Sender gestürmt, ihre Kinder seien total aufgelöst, Weihnachten sei unwiederbringlich ruiniert. Und so wechselte Coxe in die Werbebranche, sein Schlagzeuger in die Telekommunikationsindustrie. Die Musik spielte keine Rolle mehr in ihren Leben.

Mitte der Neunzigerjahre, die beiden hatten sich längst aus den Augen verloren und Coxes Equipment wurde von einem Wirbelsturm in die Fluten gerissen und trieb schätzungsweise irgendwo im Golf von Mexiko, bemerkte Simeon Coxe, dass die Plattenläden in seiner Nachbarschaft jede Menge illegaler Bootlegs im Sortiment hatten. Und als der Plattenverkäufer ihm versicherte, dass seine Band noch immer grösstes Ansehen geniesse, entschied er sich für ein Comeback. Ein Radiosender machte Dan Taylor ausfindig, die beiden wollten gerade wieder munter durch Amerika touren, als Simeon Coxe sich nach drei Konzerten auf dem Nachhauseweg von einem Auftritt bei einem Autounfall den Rücken ruinierte und kurz darauf Dan Taylor an Herzversagen starb.

Seither tourt Simeon Coxe – mittlerweile 79 Jahre alt – allein um die Welt und hat letztes Jahr sogar ein neues Album eingespielt. Sonderbar klingt das noch immer, ein bisschen wie Kraftwerk auf Vintage-Equipment. Die Oszillatoren von damals sind als Samples noch immer im Einsatz. Es ist, als schaue man sich einen Science-Fiction-Film von früher an und staune über dessen bejahrte Spezialeffekte. Doch auch wenn die Musik von Silver Apples technisch von der Moderne überholt worden ist, den Geist der Avantgarde atmet sie noch heute.

Dampfzentrale Die lange Nacht der elektronischen Musik mit Silver Apples, Demdike Stare, Caterina Barbieri, Do, 25. 5., 21 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 18.05.2017, 07:16 Uhr

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