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Ein Komet trifft Funkytown

Super Mario entführt die Queen of Disco: Das neue Album des Berner Electro-Duos Fiji klingt Highscore-verdächtig.

Maximilian Pahl
Bei ihnen spielt der Arpeggiator die erste Geige: Simon Schüttel und Simone de Lorenzi.
Bei ihnen spielt der Arpeggiator die erste Geige: Simon Schüttel und Simone de Lorenzi.
Yoshiko Kusano

Die Ohrfeige für den Seitensprung. Eine Kofferraumklappe. Die Tür der nächstbesten Diskothek. Klatsch! Immer auf die Schnauze: Fijis fünftes Album «Bizarre» prallt in errechenbarer Flugbahn vom Himmel – aber man sollte sich nicht evakuieren.

Wann werden wir uns wiedersehen?, fragt Sängerin Simone de Lorenzi mittendrin – dazu ein Synthpop-Bombast, mit dem auch die neue Schlagermusik heute gerne aufmuckt. Aber Helene Fischer kriegt Ausgangssperre. Ich tanze ja gar nicht, behauptet Lorenzi im beinahe unhörbaren Song «Ain’t Dancing» – und das ist auch gar keine Tuba dort im Offbeat, sondern ein Synthesizer. Wers nicht glaubt, wird auch nicht selig.

Wenn die Taste klemmt

Wer aber an die musikalische Grundbegabung und den kalten Schweiss der Maschinen glaubt, der lässt sich bereitwillig plattmachen und taumelt schon bald durch ein postapokalyptisches Funkytown. De Lorenzis Stimme ist das vitalste Lebenszeichen in Fijis Musik, auf «Bizarre» ist sie oft mit einem Effekt gedoppelt und gebietet so über die Elektronik. Diese versucht De Lorenzis Partner Simon Schüttel gar nicht erst als menschlich zu tarnen. Seine Patterns und Phrasen rattern unverbrämt voran.

Heute befassen sich halbe Studiengänge damit, elektronische Musik zu humanisieren. Aber bei Fiji spielt die erste Geige der Arpeggiator, dieses umstrittene Disko-Sakrileg. Ein einzige Taste automatisiert gespreizte Tonkaskaden, und diese Taste scheint in Songs wie «Strong Velvet» oder «Un Malentendu» festzuklemmen. Warum sollte man es komplizierter wollen?

So klingt «Bizarre» kraftvoll, nächtlich und Highscore-verdächtig, ganz als hätte Super Mario hinter Giorgio Moroders Rücken Donna Summer entführt und dann die Queen of Disco nicht nur liebevoll behandelt («In The Mood For Love», aber auch «Boy oh Boy»). Keine Musik zum Wäsche-Zusammenlegen. Und eigentlich auch kein Album, das man sich einfach so anhört. Nein, die beiden Plattmacher von Fiji spielen Electroclash, der auf Französisch ebenso funktioniert wie auf Englisch, und erinnern damit mal eher an Les Rita Mitsouko und mal an Goldfrapp.

Blinken und atmen

«Bizarre» sprüht vor Faszination für alles, was piept und blinkt. Wie sich das rückwärts anhört, demonstriert der Song «What Without You». Fijis bisher schönste Ballade, «Dark Night», ist auf «Bizarre» ebenso zu finden wie anbrandende Synthie-Akkorde, für welche sich die Trance-Musik heute noch in der Ecke schämt. Fiji holen ihre Zitate zugleich aus dieser Ecke heraus, und während man versucht, hinterherzukommen, klingt es schon wieder, als malträtiere jemand einen alten Arcade-Spielautomaten. Es dröhnt und stöhnt, es blinkt und atmet, und in der unbekannten Zone zwischen Ein und Aus spielt Fijis Musik. Kaum ein Album ist so einfach zu entziffern und doch so unvorhersehbar.

Mühle Hunziken Rubigen, Samstag, 23. Februar, 19.30 Uhr (Doppelkonzert mit Annakin)

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