Ein fröhliches Knallen und Puffen

Berner Woche

Dave Naef ist der neue Drahtzieher im Bierhübeli. Er will das altehrwürdige Lokal hipper machen. Den Anfang macht die neu gestaltete Lounge namens Gustav.

«In der Aussenwahrnehmung ist das Bierhübeli eine alte charmante Dame, die ein bisschen dösig und schwerfällig geworden ist»: Dave Naef.

«In der Aussenwahrnehmung ist das Bierhübeli eine alte charmante Dame, die ein bisschen dösig und schwerfällig geworden ist»: Dave Naef.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Ane Hebeisen

Was soll in diesem Gustav genau passieren?
Die Grundpfeiler sind Gastronomie, Kunst und Kultur. Die Raumgestaltung ist nicht abgeschlossen, er wird sich stetig weiterentwickeln, es werden Konzertbilder aus der langen Bierhübeli-Historie dazukommen. Und es wird hier auch Lesungen, Stand-up-Comedy oder kleinere Konzerte geben.

Die Lounge und das Essensangebot sollen den Anfang eines Wandels markieren. Wohin wandelt sich das Bierhübeli unter Ihren Fittichen?
Wir wollen offener, hipper und agiler werden. Es werden nicht gleich alle alten Zöpfe abgeschnitten, aber wir wollen Bestehendes weiterentwickeln und neue Akzente setzen. In der Aussenwahrnehmung ist das Bierhübeli eine alte charmante Dame, die ein bisschen dösig und schwerfällig geworden ist. Es geht darum, diese Dame zu wecken.

Eine aufgeweckte alte Dame: Wie soll das klingen?
Mein Kulturbegriff ist breit. Es wird zum Beispiel künftig jährlich ein Bier-Festival geben, an welchem man 150 verschiedene Biersorten aus der Gegend degustieren kann, für einen Franken pro Deziliter. Wir werden auch kleinere Bands ins Bierhübeli holen, wir wollen wieder vermehrt auf dem Radar der Berner Bands auftauchen, die vor dem Bierhübeli eine zu grosse Ehrfurcht hatten, und ich kann mir hier auch grössere Jazz-Konzerte vorstellen. Das Ganze soll niederschwelliger werden, man soll auch einfach bloss hierherkommen, um zu verweilen und sein Feierabendbier zu trinken.

Das Bierhübeli ist mit einer Kapazität von 1000 Besuchern zum Kommerz verdammt. Die Konzerteintritte bewegen sich zwischen 30 und 50 Franken. Da wird es schwer sein, niederschwelliger zu werden.
Das wird nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. Es ist ein Prozess. Ich rechne mit einem Zeithorizont von fünf Jahren, bis man wahrnimmt, was wir wollen. Doch wir haben nun mit Gustav einen neuen spannenden Spielort, wir können auch den Hauptsaal räumlich verkleinern, oder wir können in der Wahl der Vorbands künstlerische Akzente setzen.

Der Weg zu mehr Hippness dürfte steinig sein. Das Konzert von Jamie Lidell beispielsweise mussten Sie kürzlich ins ISC verlegen, wegen des schlecht laufenden Vorverkaufs.
Das ist doch ein prima Beispiel gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit. Wir haben einen Ort gefunden, wo die Produktionskosten niedriger sind, und haben mit dem ISC zusammengespannt. Am Schluss haben wir beide nichts daran verdient, aber es spielte eine tolle Band in Bern.

Stimmen solche Geschichten nicht nachdenklich, wenn man eine Neuausrichtung anstrebt?
Natürlich. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir im Bierhübeli relativ hohe Fixkosten haben. Wir werden deshalb auch mit der Stadt in Kontakt treten betreffend möglicher Subventionen. Das Bierhübeli tut viel für diese Stadt, für den Musiknachwuchs und für die lokale Szene. Wir denken, dass diese Rolle nicht so richtig wahrgenommen wird.

Seit Sie übernommen haben, schlenkert das Programm irgendwo zwischen The Baseballs, Trauffer, dem tollen Patrice und den unsäglichen Hecht. Wird das auch künftig das Spektrum sein?
Ich habe von unseren Vorgängern ein Programm übernommen, das schon weit ins 2017 geplant war. Unsere Linie wird sich erst jetzt offenbaren. Momentan treffe ich mich öfters mit den Schweizer Plattenfirmen und versuche, diese eingespielte Zürich-Connection zwischen den Labels und den Clubs ein bisschen zu brechen. Bern ist im Tour-Plan vieler internationaler Bands schlicht nicht auf dem Radar. Das versuche ich zu ändern. Dafür werde ich mich demnächst auch mit diversen Agenturen in London und Berlin treffen. Angedacht sind auch Kooperationen mit Clubs in Zürich oder Lausanne.

Eine ewige Bierhübeli-Baustelle ist die Akustik. Der Saal stellt eine Herausforderung für jeden Tontechniker dar. Werden Sie da Abhilfe schaffen?
Es ist möglich, aber nicht einfach, im Bierhübeli gut abzumischen. Eine neue Tonanlage steht auf der Liste der kommenden Investitionen. Dafür werden wir auch einen Akustiker beiziehen.

Ein weiterer Pfeiler des Bierhübeli ist das Party-Segment. Liest man die Affichen, dann klingt das so ähnlich wie die Summe aller Privatradio-Jingles: das Beste aus den 80er-, 90er- und Nullerjahren. Werden Sie dort auch umstürzlerisch tätig werden?
Diese Partys sind die Querfinanzierung unseres Konzertbetriebs. Hier müssen wir die Kapazität von 1000 Besuchern möglichst ausschöpfen. Wir sind aber laufend am Diskutieren, welche Formate noch eine Zukunft haben und welche weniger. Neu gibt es seit April eine grosse Gay-Party, ein Novum für das Bierhübeli. Und wir versuchen, unsere Format-Partys mit Live-Acts aus der jeweiligen Epoche etwas spannender zu gestalten.

Wir spüren Sie künstlerisch noch immer nicht so richtig. Werden wir konkret: das letzte Konzert, das Ihnen feuchte Augen bescherte?
Es gab solche magischen Momente am Konzert von Ben l’Oncle Soul oder bei Stiller Has im Bierhübeli, aber auch bei Angélique Kidjo in Montreux.

Was ist auf der letzten Playlist zu hören, die Sie erstellt haben?
Es war eine Soul-Playlist: Eryn Allen Kane, Jorja Smith, Sam Henshaw u. v. a.

Fünf Wunschkandidaten fürs Bierhübeli-Programm?
Jan Garbarek & Marcus Miller, Van Morrison, Beverly Knight, Jamie Cullum.

Der verstorbene Café-Mokka-Gründer Pädu Anliker wurde mit der Losung «Musik ist Scheisse» auffällig. Was ist Ihr Motto?
90 Prozent der Musik ist tatsächlich scheisse. Den Rest holen wir ins Bierhübeli.

BierhübeliEröffnungsfest und Vernissage: Mi, 10. 5., 19.30 Uhr. Konzert: American Authors.

Der Bund

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