Eigenwillig geklotzt

Fragil bis psychedelisch entrückt: Die Burgdorfer Band Groombridge legt mit «Specht» ein wuchtiges Rock-Album vor.

Nichts fürs Radiotagesprogramm: Groombridge (v.l.n.r.: Lukas Breitenstein, Thomas Hess, Silvan Grütter, Philipp Hirschi, Christian Berger).

Nichts fürs Radiotagesprogramm: Groombridge (v.l.n.r.: Lukas Breitenstein, Thomas Hess, Silvan Grütter, Philipp Hirschi, Christian Berger). Bild: zvg/Roland Juker

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Eingemietet hat man sich mitten im lauschigen Burgdorf in einer alten Leinenweberei. Um zum Bandraum zu gelangen, muss eine schmale Brücke überquert werden, darunter rauscht und gurgelt idyllisch der Dorfbach. Drinnen herrscht aufgeräumtes Geräte- und Instrumentenwirrwarr, überschaut wird die Angelegenheit von einem Darth-Vader-Helm, auf dem ein Abziehbild der lokalen Fussballmannschaft prangt.

Aufgeräumt sind auch die vier Herren Groombridge – ein fünfter wird sich später noch dazugesellen und die Band komplementieren. Anlass des Treffens: der neuste musikalische Wurf der Mannschaft beziehungsweise die fünfte Platte namens «Specht», die so gar nicht nach beschaulichem Emmental klingt.

Dass ein Specht zum Namenspaten erkoren wurde und das Plattencover ziere, sei einem Zufall zu verdanken, erklärt Christian Berger. Beim Rumpröbeln mit Effekten habe seine Gitarre plötzlich wie das Hämmern eines Spechts geklungen und deswegen heisse das neue Album nun auch so. So einfach und zufällig die Namensgebung so komplex der musikalische Inhalt des gefiederten Gesellen.

«Songs, die man liebt oder hasst»

Während andere Formationen im Verlauf des eigenen Bandlebens einen gefälligeren und angepassteren Kurs einschlagen, bewegen sich Groombridge exakt in die Gegenrichtung. Man habe tatsächlich von Platte zu Platte härtetechnisch einen Gang zugelegt, sagt Gitarrist Philipp Hirschi. Man habe halt einfach «zwingende» Songs machen wollen, «Songs, die man liebt oder hasst», ergänzt Berger. Tatsächlich macht «Specht» vom ersten Ton an klar: Hier wird nicht mit falscher Bescheidenheit kokettiert, sondern eigenwillig geklotzt.

Die tief gestimmten Gitarren erinnern an die Deftones – ein Vergleich, der die Musiker zum Strahlen bringt. Berger mimt gesanglich eine angeschlagene Seele kurz vor dem Amoklauf, derweilen Bass und Schlagzeug einen wuchtigen Teppich liefern und geschickt platzierte Synthesizer-Sounds das Ganze zu bombastischer Breite aufblasen. Groombridge können aber nicht nur mächtig, schwermütig und theatralisch, sondern auch leise und fragil, ja zeigen sich auf «Specht» als wahre Meister der Dynamik. Geschickt verknüpfen sie progressive Rockkonstrukte mit Elektronika und brauchen dabei den Vergleich mit den Meistern dieses Faches, der englischen Formation Archive, nicht zu scheuen.

Dank intelligentem Songwriting schlagen die Songs von Groombridge immer wieder unerwartete Haken: Mal suhlt man sich in der Wärme repetitiver 70er-Jahre-Psychedelic-Nummern, um gleich darauf Industrial-Anleihen um die Ohren gehauen zu bekommen, bevor walzende Riffs zum Abnicken verleiten oder mit Synthesizer-Sounds und allerlei Effekten eine ausserirdische Entrücktheit fabriziert wird. Darüber hinaus setzt Berger seine Stimme nicht wie eine Stimme, sondern vielmehr wie eine Instrument ein, will heissen: äusserst variabel und vielseitig.

Raffinierte Klangästhetik

Es ist ein ambitioniertes Projekt, das Groombridge mit «Specht» vorlegen, ein Projekt, mit bestechendem Resultat, sind sämtliche Klänge doch perfekt eingebettet und verwoben. Diese raffinierte Klangästhetik klingt nach viel Arbeit und Aufwand. Dabei sind seit der Veröffentlichung der letzten Platte «Boy from the Golden City» gerade mal zwei Jahre vergangen. Man sei halt gerade so im «Flow» gewesen sagt Sänger Christian Berger, der zusammen mit Philipp Hirschi für einen Grossteil des Songwritings verantwortlich ist.

Viele Ideen würde nicht im Bandraum, sondern zu Hause am Computer entstehen, sagt Berger. Der Vorteil sei, dass man sich voll und ganz auf den Song als solches konzentrieren könne und sich nicht überlegen müsse, wie jeder einzelne Musiker im Bandraum beschäftigt werden könne – ein Unterfangen, das bei einem Quintett, in dem drei Mitspieler abwechslungsweise Gitarre oder Synthesizer spielen, sowieso praktisch unmöglich erscheint. Er und Berger würden oftmals bereits mit ziemlich konkreten Konstruktionen im Bandraum aufkreuzen sagt Hirschi.

Manchmal zum Leidwesen von Schlagzeuger Lukas Breitenstein, der dann die vertrackten Rhythmen, die sie quasi am Reissbrett entworfen hätten, heraushören müsse. Das Lustige sei ja, dass die Vertracktheit nicht entstünde, weil die Songs wahnsinnig durchdacht aufgebaut würden, sondern vielmehr, weil sie kein Theorie-Wissen hätten und einfach nach Gutdünken agieren würden. «Wir klingen so, wie wir klingen, weil wir eigentlich keine Ahnung haben», sagt Hirschi und lacht.

Die Ahnungslosigkeit mag vielleicht in Bezug auf Musiktheorie zutreffend sein, wenn es allerdings um die Aufnahmen des eigenen Liedgutes geht, dann sind Groombridge alles andere als unbewandert, bewerkstelligen sie doch einen Grossteil dieser Arbeit selber. So werden Gitarren- und Synthesizerspuren im Bandraum aufgenommen, zu Hause am heimischen Computer wird dann am Klang geschraubt, gebastelt und getüftelt, derweilen der Schlagzeuger und Bassist für Aufnahmen kurzerhand in ein Chalet im Eriz verfrachtet werden, weil die Holzakustik gute Tonqualität verspricht. Einzig der Schlagzeug- und Endmix wird dann ausser Haus bewerkstelligt.

Es ist eine sympathisch bescheidene Truppe, die an diesem Montagabend im Bandraum zusammengekommen ist. Man neckt sich gerne, fachsimpelt ausgiebig, brütet Ideen aus und lacht dabei über eigene Unzulänglichkeiten. Bei all der Freude am Tun, stecken Groombridge aber auch in einem Dilemma: «Wir sind nicht vermarktungstauglich, weil wir musikalisch in keine Schulbade passen», sagt Berger. Für das Radiotagesprogramm sind Groombridge tatsächlich zu progressiv und eigenwillig, was heutzutage einer Auszeichnung gleichkommt. Dass sie für die eingefleischte Szene nicht abgefahren genug seien, diese Befürchtung dürfte sich allerdings für «Specht» wohl kaum bewahrheiten.

Gaskessel Sa, 9. 9., ab 20 Uhr (Plattentaufe). (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2017, 07:06 Uhr

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