Die Welt am Schlafittchen

Mit dem Action Theatre zeigt Doraine Green die irdische Komödie «Paradise and is there WiFi there?». Es ist das erste Stück seit dem Tod ihres Lebens- und Bühnenpartners.

«Im Glauben, es ginge irgendwo irgendwie weiter, vernachlässigen wir unsere Erde», sagt Doraine Green (links).

«Im Glauben, es ginge irgendwo irgendwie weiter, vernachlässigen wir unsere Erde», sagt Doraine Green (links). Bild: zvg

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Wenn es um das Erklären der Welt geht, stiehlt sich das Theater gerne davon – durch die Hintertür, die vierte Wand, oder über die Meta-Ebene – und hinterlässt das Publikum oft in Unverständnis. Wie man sie trotzdem dingfest macht, diese «schöne, idiotische, juwelenhafte Welt», davon kann Doraine Green ein Lied singen. Und diesen Gefallen tut uns die Regisseurin und Schauspielerin im Vorfeld der Premiere von «Paradise and is there WiFi there?». Glaube und Tod stehen in ihrem neuen Stück im Mittelpunkt. Es wird aber nicht versucht, zu verstehen und zu erklären, sondern «erkundet». Und zwar von Greens Aussichtsplattform: der Bühne.

Zwei Koffer reichen aus

Mit einem Lächeln, das Bände spricht und Wände bricht, schildert Green die Freude, wenn etwas «gerinnt»: «Wenn Menschen gut zusammenpassen, kann sich ihre Zusammenarbeit materialisieren. Viel mehr braucht es nicht. Dann reichen auch wie in unseren Anfängen zwei Koffer für die Requisiten.»

Als ein Teil von Action Theatre packt Green seit sagenhaften fünfzig Jahren die Welt am Schlafittchen, zerrt sie spielwütig auf die Bühne und formt aus kleinen Nuancen grosse Satire. Innig verbunden in diesem Vorhaben, wie auch in der Ehe, war ihr Arne Nannestad. Das Künstlerpaar gelangte über England, Neuseeland und die halbe restliche Welt in seine Wahlheimat Bern. Für das neue Stück waren die Themen Tod und Glaube schon länger gesetzt.

Doch an einem Abend im letzten Jahr, nachdem der erkrankte Arne Nannestad eine elementare Idee für «Paradise and is there WiFi» notierte, legte sich der 72-Jährige zum letzten Mal schlafen. «Wir hatten ein sehr gutes Abendessen und lachten gemeinsam beim Skriptschreiben, das wir beide so sehr liebten.» Das Stück nicht aufzuführen, stand für Green ausser Frage. «Ich habe die schönsten, lebhaftesten Erinnerungen, ganz besonders von Arne auf der Bühne. Er war unglaublich geistreich und immer dafür, weiterzumachen, bis Lösungen auftauchten.» Beim Erarbeiten des Stücks hörte sie ihn oft in ihrem Kopf, seine Einwände und seine Ermutigung.

Bei der Neuorientierung von Action Theatre hätten ein paar «Engel» die Schwierigkeiten abgefangen. Damit meint sie etwa die Schauspielerin Kornelia Lüdorff, die man am Konzert Theater Bern zu gerne länger hätte spielen sehen. Oder den «Allround»-Regieassistenten Sandro Griesser. Und Christoph Marti, dessen Geschwister Pfister auch schon seit drei Jahrzehnten die Kleinkunst grossziehen. Er verleiht seinem Freund Nannestad in einer Himmelsszene die Stimme.

Glaubensentzug

Auf der Bühne tritt die Schauspielerin und Sprecherin Irina Schönen zu Green und Lüdorff hinzu. Zu erwarten ist nicht weniger als plastisches Theater mit irdischem Irrsinn. Auf Englisch, «aber global verständlich», werden sich die drei Frauen von Station zu Station fragen und etwa unser «morbides Interesse an Unfällen» zupackend durchleuchten, oder einfach mal selbst im Himmel nachschauen gehen, ob dort Netz ist. «Um zu sehen, wer im Himmel spricht, müssen 3-D-Brillen getragen werden», sagt Green.

Angepackt wird der Mensch in seiner Vorstellung, er könne sich selbst überleben, ob als Wiedergeburt, Prinzessin, Bakterium oder wenigstens als Skypekontakt. «Unglaublich» findet Green, «an was Menschen glauben können. Und noch viel unglaublicher, wie kaum jemand die Abkehr vom Glauben wirklich verkraftet, obwohl sie doch unsere philosophische Grundbewegung ist.» Denn daraus entsteht ein Problem: «Im Glauben, es ginge irgendwo irgendwie weiter, vernachlässigen wir unsere Erde, und die ist selbst als zunehmendes Wrack noch immer ein Juwel.»

Green hat den Juwel mit dem Action Theatre oft bereist. Bilderreich schildert sie die Tournee an der US-amerikanischen Ostküste in den 80er-Jahren, oder wie ihr und Nannestad mitten auf der Autobahn eine Tür aus dem Transporter fiel. Lange bevor an Wi-Fi überhaupt zu denken war, schlugen sie sich durch, waren selten längerfristig gefördert, dafür umso effizienter im Touren und kreativ im Nebenerwerb.

Den Scirocco im Haar

Nannestad schrieb ebenso umtriebig für die Bühne, für Comedy und Kabarett, wie auch für seine Memoiren. Letztere will Green bald als Buch veröffentlichen, es dürfte bersten vor wilder Eindrücke und Zeitaufnahmen und zugleich vor Lösungsvorschlägen für ein bewegtes künstlerisches Leben.

Für ein solches hat sich Green entschieden bei einem ihrer ersten Auftritte mit Action Theatre in Italien. «Es waren nur Arne, ein chinesischer Junge und ich. Wir fuhren ohne Kostüme an ein Festival, haben uns gekämmt und angemalt, und wie ich so in Sizilien auf der Bühne stand, den Scirocco im Haar, wusste ich, was ich machen will.»

Tojo-Theater Do, 14. Juni, bis Sa, 16. Juni, um jeweils 20.30 Uhr sowie So, 17. Juni, 19 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2018, 06:44 Uhr

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