«Die Tanzwelt bereichern»

Seit 20 Jahren bringt der Verein Beweggrund Menschen mit und ohne Behinderung im Tanz zusammen. Die Rahmenbedingungen hätten sich verbessert, viel zu tun gebe es trotzdem noch.

«Menschen mit Behinderungen sind auch als Künstler wesentliche Stimmen», sagt Susanne Schneider von Beweggrund.

«Menschen mit Behinderungen sind auch als Künstler wesentliche Stimmen», sagt Susanne Schneider von Beweggrund. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Als wir vor 20 Jahren begannen, waren wir Exoten.» Susanne Schneider ist Mitbegründerin des Vereins Beweggrund, der sich seit 1998 für den inklusiven Tanz einsetzt. Ziel von Beweggrund ist es, ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung in kulturellen Projekten zu schaffen. «Menschen mit Behinderungen gehören einfach zu unserer Gesellschaft und sind auch als Künstler wesentliche Stimmen», sagt Susanne Schneider.

Die 52-Jährige hat selber Tanz studiert und den Hochleistungsdruck, der in dieser Szene herrscht, am eigenen Leib erfahren. «Das Bein muss möglichst nahe zum Ohr.» Als sie dann in England bei einer Aufführung der Candoco Dance Company einen Tänzer ohne Beine gesehen habe, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es doch noch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten gebe. «Menschen, die aus dem Rahmen fallen, bereichern die Tanzwelt», sagt Schneider.

Beweggrund führt Kurse und Workshops für Menschen jeglichen Alters und jeglicher Voraussetzungen durch, vernetzt sich mit anderen Gruppen im In- und Ausland und erarbeitet in regelmässigen Abständen Bühnenproduktionen, mit welchen das Ensemble durch die Schweiz und im Ausland tourt. Mit viel Engagement und Leidenschaft setzt sich der Verein für die kulturelle Teilhabe von Künstlern und Künstlerinnen mit Behinderung ein. Konkret heisst dies, dass Menschen erreicht werden sollen, welche normalerweise keinen Anschluss an den Kunstbetrieb haben. «In unserem Fall ist es wichtig, dass wir sowohl Kunstschaffende mit Behinderungen miteinbeziehen, als auch die entsprechende Zuschauerschaft erreichen», sagt Schneider.

Beweggrund ist einerseits ein Tanzensemble, andererseits leistet der Verein auf verschiedenen Stufen Aufbau- und Unterstützungsarbeit. «Viele Leute kommen in unseren Workshops zum ersten Mal mit Tanz in Berührung, einige betreiben ihn als Hobby, wieder andere würden sich gerne professionalisieren», erklärt Schneider. Diese Vielschichtigkeit sei zwar gut und wichtig, wenn es allerdings um die Beantragung von Kulturgeldern gehe, sei sie erschwerend. «Wir passen mit unserer Arbeit nicht wirklich in eine Schublade», sagt Schneider.

Die Situation habe sich zwar in den letzten zehn Jahren verbessert, ausreichend sei die finanzielle Unterstützung aber noch nicht. «Wir werden gleich behandelt wie andere Kunstprojekte. Dabei geht vergessen, dass unsere Arbeit mehr Zeit, mehr Personal und mehr Sorgfalt braucht, weil bei uns eben auch verletzliche Menschen mit dabei sind, welche andere Rahmenbedingungen brauchen.»

Kulturstätten sensibilisieren

20 Jahre lang hat der Verein Beweggrund Pionierarbeit geleistet, seit fünf Jahren tut dies auch das Theaterkollektiv Frei-Raum. Entsprechend wird am Wochenende zum Doppelgeburtstag in der Heiteren Fahne ein rauschendes Fest gefeiert. Am Freitag ist Premiere von «un(heimlich)schön», dem neuen Stück der Beweggrund-Performancegruppe (Fr, 20 Uhr, Sa, 17.30 Uhr), das Frei-Raum-Ensemble präsentiert ein Best-of aus den Liederabenden «Für immer und dich» und «Über Stock und Stein» (Sa, 15.30 Uhr), es gibt eine Podiumsdiskussion zum Thema Mut (Sa, 16 Uhr) und ein Konzert von Lia Sells Fish (Fr, 21 Uhr).

Für die nächsten 20 Jahre wünscht sich Susanne Schneider mehr Freiräume wie das Kulturhaus am Fusse des Gurtens, in welchen inklusive Kunst und Kultur gelebt werden kann. Zudem hofft sie, dass die Sensibilisierung von Kulturstätten für Andersartigkeit weiter voranschreitet. «Es gibt Menschen, die sehen einen Film nicht, die müssen ihn hören können. Es gibt Menschen, die hören einen Text nicht, die brauchen Gebärden. Und ausserdem müssen Kunsthäuser überhaupt erst zugänglich gemacht werden.»

In einer alten, denkmalgeschützten Stadt wie Bern gäbe es im baulichen Bereich Nachholbedarf, sagt sie. So sei etwa in der Dampfzentrale, wo Beweggrund regelmässig auftritt, zwar der Zuschauerbereich rollstuhlgängig, nicht aber der Backstage-Bereich. «Viele Bühnenräume sind nicht gedacht und konzipiert für Menschen mit Behinderungen und bleiben ihnen deshalb verschlossen. Das ist doch schade.»

Heitere Fahne Fr, 25., und Sa, 26. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2018, 06:48 Uhr

Artikel zum Thema

Im Flow der guten Laune

Die Regisseurin Boukje Schweigman setzt das Publikum bei Auawirleben einer aufmüpfigen Menschenschar aus. Mehr...

Extrem normal

Berner Woche Es geht um Tanzkunst. Und mehr: Das viertägige Festival Beweggrund lässt Künstler mit und ohne Behinderung lustvoll Normen aushebeln und Denkgrenzen verrücken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...