«Die Realität zum Tanz auffordern»

Rahel Bucher von der Heitere Fahne über Idealismus, die Herausforderungen der Realität und die Berner Kultfigur «Schwäbi».

Tanz zwischen Idealismus und Realität: Blick in die Heitere Fahne. (Archiv)

Tanz zwischen Idealismus und Realität: Blick in die Heitere Fahne. (Archiv)

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Xymna Engel

Die «Idealistenkiste» Heitere Fahne gibt es nun schon fünf Jahre. Wo sind die Ideale Wirklichkeit geworden?
Ich sage immer: Der Idealismus fordert die Realität zum Tanz auf. Wir wollen Dinge möglich machen, auch scheinbar unmögliche. Das wird auch in Zukunft eine Gratwanderung bleiben. Der Einsatz der Menschen, die sich hier oft ehrenamtlich engagieren, ist nach wie vor sehr idealistisch. Am Anfang war unser inklusives Modell vor allem auf Menschen mit Behinderung ausgerichtet, heute haben wir die Türen für verschiedenste Menschen mit Besonderheiten oder Fragezeichen in ihrem Leben geöffnet. Die Triebkraft ist der Wunsch, einen alternativen Begegnungsort zu schaffen – und ich glaube, das ist uns gelungen.

Und wo sind Sie gescheitert?
Es gibt natürlich eine Realität, in der wir existieren müssen. Die Heitere Fahne fordert extrem viel persönliches Engagement. Das ist das Bestechende dieses Ortes, kann ihm aber auch zum Verhängnis werden. Die Zusammensetzung des ca. 30-köpfigen Kollektivs ändert sich immer wieder. Da ist die Kommunikation eine grosse Herausforderung: Es braucht enorm viele Absprachen und Sitzungen. Und wir müssen den grossen Output halten: Das Kulturprogramm muss funktionieren, der Gastrobetrieb laufen, und wir wollen unsere sozialen Ziele erreichen. Nach aussen ist das Haus gut aufgestellt, aber wir möchten jetzt auch wieder mehr Energie nach innen in die Organisation lenken.

Matto Kämpf nannte die Heitere Fahne unlängst ein «hausgewordenes Wunder». Wenn es um Utopien, Träume und Kollektive geht, besteht ja immer die Gefahr, dass man in eine Bubble gerät, die irgendwann platzt. Wie hält man eine Utopie am Leben?
Wir haben uns auch aus diesem Grund dafür entschieden, das Thema «Futura Fantastica» zum Motto der nächsten eineinhalb Jahre zu erklären. Die Heitere ist schweizweit das einzige inklusive Kulturhaus – aber das wollen wir gar nicht sein. Wir wollen mit unserem Modell auch andere inspirieren, zum Beispiel jemanden, der eine Dorfbeiz wiederbeleben will. Die Heitere soll irgendwo auch ohne uns oder in einer anderen Stadt funktionieren.

Nun lebt eine solche Institutionen ja nicht nur von Ideen und Engagement. Reden wir über Geld.
Im Moment läuft ein Crowdfunding, um unsere Technik zu modernisieren. Zum Beispiel wollen wir mit einer induktiven Höranlage Vorführungen auch für Gehörlose zugänglich machen. Am Anfang haben wir uns in der Finanzierung oft von Projekt zu Projekt gehangelt, heute können wir zum Teil etwas längerfristiger planen. Doch um eine stabile Grundlage für den Betrieb zu schaffen, reicht das Geld noch nicht. Im Moment sind wir deshalb immer noch stark auf ehrenamtliches Engagement angewiesen und müssen kreativ bleiben. Das ist ja auch gut so.

Wann hat Sie die Heitere in den letzten fünf Jahren am meisten überrascht?
Am meisten überrascht mich immer noch die endlose Energie der Leute hier. Auch dass wir trotz der vielen Schwierigkeiten nicht aufgegeben haben. Sehr überrascht war ich auch im April bei der Verleihung des Goldenen Kaktus, unserem Preis für Organisationen und Menschen, die das Leben bereichern. Einer ging an die Berner Kultfigur Schwäbi. Wir haben es im Vorfeld nicht geschafft, mit ihm persönlich Kontakt aufzunehmen. Doch am Ende der Preisverleihung tauchte er plötzlich auf und kam auf die Bühne. Das war so ein Moment, wo das Unmögliche möglich wurde.

Der Bund

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