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«Die Melancholie spürt man an jeder Ecke»

Mit 15 neuen Liedern ist Simon Ho aus Südamerika zurückgekehrt - und einem neuen Verständnis für Musik.

Die Südamerikaner gingen raffiniert und stilsicher mit den Emotionen um, meint Simon Ho.
Die Südamerikaner gingen raffiniert und stilsicher mit den Emotionen um, meint Simon Ho.
zvg

Sie sind soeben aus Südamerika mit 15 neuen Liedern zurückgekehrt. Auf einer Fotografie dieser Reise stehen Sie mit zwei Koffern auf einer staubigen Strasse, über Ihnen der Himmel, vor Ihnen nichts als weite Ebene. Wie hat es Sie in die Pampa verschlagen?

Eine befreundete Sängerin aus Buenos Aires hat mich dorthin mitgenommen. Die Aufnahme ist 350 Kilometer südlich von Buenos Aires entstanden, genauer in Solanet, einem Ort mit acht Bauernhäusern, wo die Menschen sieben Tage die Woche schuften und am Ende des Monats kaum genug zum Leben haben. Es ist erstaunlich, wie ruhig die Leute dort sind. Es ist kein Ort der lauten Worte und der grossen Sätze. Für einen Musiker wie mich war die Gegend magisch: die Tiere, die sich frei auf riesigen Weiden bewegen, die vielen Vögel, der Horizont, die unglaublichen Wolkenbilder. Ich habe die meisten meiner Stücke in Städten komponiert, nun ist auch eines in der Pampa entstanden.

Sie waren nun schon zum achten Mal in Buenos Aires. Wie haben Sie die Stadt des Tango erlebt?

Jedes Mal anders. Der Tango durchströmt die Stadt natürlich immer noch. Aber dieses Mal ist mir Buenos Aires sehr still vorgekommen. Man sagt ja auch, Armut ist still und Reichtum ist laut. Die Melancholie spürt man an jeder Ecke.

Die Melancholie hat sich auch in den Texten der vier südamerikanischen und spanischen Autorinnen und Autoren niedergeschlagen, die Sie vertonen. Die Lyrik von Angostina Storni etwa geht an die seelische Substanz. Wie gehen Sie mit dieser Schwere um?

In manchen Kompositionen habe ich die Schwere aufgenommen, ihr in anderen aber auch absichtlich etwas Grooviges entgegengesetzt. Die spanische Sprache ist sehr fliessend und blumig. Sie steckt voller Gerüche und Farben. Das versuche ich musikalisch wiederzugeben, indem ich diese Eindrücke ausweite, etwa mit Jazzakkorden oder mit anderen Farben.

Südamerikanische Musiker können im Gegensatz zu uns ja pausenlos über «Corazon» und «Amor» singen, ohne dass es peinlich wird. Warum?

Vielleicht weil sie so raffiniert und stilsicher mit den Emotionen umgehen. Auch ich habe in Buenos Aires viel emotionaler geschrieben. Das hat bei den Konzerten dort auch wunderbar funktioniert. Zurück in der Schweiz habe ich meine Kompositionen aber plötzlich hinterfragt. Deshalb habe ich einige Stücke auch anders arrangiert oder harmonisiert. Aber der Grundcharakter ist derselbe geblieben.

Wie klingen also argentinische Lieder aus der Feder des Schweizers Simon Ho?

Ich habe versucht, eine Welt aufzubauen, die groovt, aber die Fragilität der Texte bewahrt. Eine grosse Rolle spielt dabei auch die Live-Besetzung: Die Sopranistin Marysol Shalit, die die Texte eigenwillig interpretiert, Jonatan Blaty, der mit dem Bandoneon die Töne mit Seele füllt, André Bousaz am Bass, der mit seinem Instrument den Raum füllt, und Simon B, der an Drums und elektronischen Gerätschaften mit der Tradition bricht. Wenn ich Partituren so umsetzen kann, dass Vibrationen und Wellen entstehen – das ist für mich einfach das Grösste.

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