Die Lust am Anpacken

Die Stadtgalerie feiert ihr zwanzig- bzw. fünfzigjähriges Bestehen. Doch Leiterin Ba Berger will kein trockenes Zurückblicken.

Sie malt, bis sie nicht mehr kann, während um sie herum gefeiert wird: Die Berner Künstlerin Karoline Schreiber

Sie malt, bis sie nicht mehr kann, während um sie herum gefeiert wird: Die Berner Künstlerin Karoline Schreiber Bild: David Aebi/zvg

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Wollte sie nie Künstlerin sein? «Nä-ä», sagt Ba Berger am Telefon. Die Frage amüsiert sie. Sie fühle sich wohl in der Rolle der Kuratorin. «Ich organisiere alles rundherum, damit sich die Künstler präsentieren und austoben können.» Die 33-jährige Bernerin führt seit zweieinhalb Jahren die im Kulturzentrum Progr situierte Stadtgalerie. Es ist einer dieser Orte in Bern, an denen Kunst stattfinden soll, ja sogar muss.

Im Auftrag der städtischen Kulturabteilung Kultur Stadt Bern wird das Berner Kreativschaffen gefördert. Somit bleibt das Projekt nicht kommerziell und bietet auch unbekannten Namen die Möglichkeit, sich in grösserem Rahmen zu zeigen. Drei Räume hat die Stadtgalerie zu bieten, die nicht immer einfach zu füllen seien, sagt Ba Berger. «Gerade bei Einzelausstellungen sind die Kunstschaffenden manchmal überwältigt von den Möglichkeiten, die sich da auf einmal bieten.»

Anecken ist schwieriger geworden

Vorläuferin der Stadtgalerie ist die 1967 an der Kramgasse gegründete Berner Galerie, die vor zwanzig Jahren, also 1997, in die Rathausgasse umzog und zur Stadtgalerie wurde. Im Progr ist sie seit 2010 einquartiert. Zu den Anfangszeiten galt es, «zu fördern, dass die Bevölkerung mit moderner Kunst konfrontiert wird», erzählt Ba Berger.

Sie hat sich im Stadtarchiv durch die Protokolle der städtischen Kunstkommission gelesen. Ob ihr da etwas Besonderes aufgefallen sei? «Ich bedaure, wie schlecht die Ausstellungsgeschichte dokumentiert ist. Einladungskarten und Fotos fehlen. Dabei wäre es gerade schön, solche Überbleibsel anzusehen.» Was Ba Berger auch herausgefunden hat: Erster Leiter der Berner Galerie war der damalige Kunsthalle-Direktor Harald Szeemann, eine Kuratoren-Legende.

Im Jahr 1969 hat er der Kunsthalle und somit auch der ganzen Stadt mit seiner Ausstellung «When Attitudes Become Form» zu internationalem Renommee verholfen. Aber das ist lange her und die Kunstszene nicht mehr annähernd in einem solch aufgebrachten Zustand wie damals. Szeemann liess unter anderem die Kunstwerke erst vor Ort entstehen und pfiff auf eine akkurate Anordnung. Das war eine skandalöse Sensation. Heute ist das Anecken schwieriger geworden.

Offen für Experimente

Diese Tatsache kümmert Ba Berger wenig. Vier Jahre dauert das Amt der Leitung Stadtgalerie, eineinhalb bleiben ihr noch. Sie hat Kunstgeschichte studiert und danach als kuratorische Assistenz im Moderna Museet in Stockholm und als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kunstmuseum Thun gearbeitet. Seit 2009 ist sie auch Co-Betreiberin des alternativen Kunstraums RAUM. «Heute ist in der Kunstszene vieles gesetzter, sicherer», sagt sie. Sie schätzt es, mit Assistentin Nina Rieben und Techniker Ramon Stricker ein Team um sich zu haben und Ideen gemeinsam zu testen und weiterzutreiben.

Ba Berger ist offen für neue Formen und Experimente. Dabei interessieren sie nomadische Kunsträume und Off-Spaces. «Die Berner Kunstszene ist sehr aktiv. Gerade von der Hochschule der Künste kommen viele junge Menschen, die Lust haben, anzupacken», sagt sie. Gibt es Themen, denen sich die jüngere Generation besonders widmet? «Die sind schwer festzumachen», meint sie. «Auch von den Medien her gibt es keine Bevorzugungen mehr. Alles wird mit allem gemischt.»

Es falle ihr auch auf, wie sehr sich die Kunstschaffenden vernetzten. «Oft kommt es vor, dass sie gar keine Einzelausstellung wollen, sondern gleich ihre Freunde mit einladen.» So toll sie das auch fände: Nach den vielen Gruppenausstellungen im laufenden Jahr will Berger im Ausstellungsprogramm wieder Einzelpositionen in den Fokus rücken. So jedenfalls lauten die Pläne für das Halbjahr 2018. «Wobei sich auch da schon wieder Kollaborationen abzeichnen», sagt sie.

Was die Gegenwart betrifft, wird zuerst einmal Geburtstag gefeiert. Unter dem Motto «Porzellan & Gold . . . still going strong» finden Darbietungen aller Arten statt. Dabei steht Porzellan für zwanzig Jahre Ehe, Gold für fünfzig. «Wir wollten kein trockenes Zurückblicken. Wir wollen die Menschen versammeln und etwas schaffen, das lebt und lustvoll ist.» Das Programm jedenfalls ist so ausgerichtet, dass der Wunsch in Erfüllung gehen könnte.

Stadtgalerie Bern Donnerstag, 5. Oktober, 18 Uhr (Eröffnung). Bis 28. 10. (Der Bund)

Erstellt: 05.10.2017, 06:58 Uhr

Programm: «Porzellan & Gold»

Die Ausstellung «Porzellan & Gold . . . still going strong» eröffnet am Donnerstag, 5. Oktober, mit der Performance «Party Remix» von Ernestyna Orlowska. Erwartet werden darf eine obskure Auseinandersetzung mit den Themen «Unterhaltung» und «das feiernde Subjekt». Vom 11. bis zum 14. Oktober residiert das Duo Cochon Rodeo in der Stadtgalerie. Die Gruppe ist bekannt für ihre temporären Beizen, in denen sie alles, was ein Schwein hergibt, verkocht und serviert. Dazu schafft sie ein verwunschenes Szenario. Anmeldung erwünscht bis am 10. 10. an stadtgalerie@bern.ch.

Am Donnerstag, 19. 10., ab Mitternacht, wird der Aktionskünstler San Keller Kunstschaffende von der Arbeit abhalten. Die Aktion nennt Keller «Blaumachen 3», die in Apéro riche und «aggressivem Schlager» enden soll. Am Samstag, 28. Oktober, zeichnet die Künstlerin Karoline Schreiber so lange, bis sie nicht mehr kann. Das alles geschieht, währenddessen um sie herum gefeiert wird. Nebst den Performances gibt es während der regulären Öffnungszeiten die fixe Ausstellung namens «Present(s)», in der die Jubiläums-Geschenke von rund neunzig Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sind. Mehr Infos unter www.stadtgalerie.ch

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